Safeword und Safesign

Seit jeher benutzen Kinksters Safewörter. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir das tun, und die weite Verbreitung dieser Praktik, die auch fast allen Vanilla-Menschen bekannt ist, ist ein sehr gutes Zeichen, wie gesund unsere Community sein kann. Mit Safewort bezeichnen wir einen Begriff, der, wenn er während dem Spiel vom aktiven oder passiven Part ausgesprochen wird, das Spiel abbricht. Um uns dem Thema zu nähern, will ich zuerst mal ein paar verbreitete Praktiken beschreiben.

«Mayday» ist als Safewort international an den meisten Playpartys verbreitet und als solches auch oft ausgewiesen in den Einladungen. Der Gedanke dahinter ist einfach: Wenn an einer Party Leute miteinander spielen, vielleicht auch nicht in einem Darkroom sondern in einem für alle sichtbaren und hörbaren Raum, kennt ja niemand deren Safeword, falls es ausgesprochen werden würde. Oder sie haben auch gar keines extra abgemacht. Wenn dann ein Wort verwendet wird, das alle kennen, können andere je nachdem auch helfen in einer Notsituation, oder wissen zumindest, dass das Spiel abgebrochen wird und die Spielenden zur Aftercare übergehen.

Ebenfalls sehr verbreitet ist das Ampelsystem. Das Wort «Rot» ist dabei das Safewort, dass das Spiel abbricht. Mit «Gelb» können die Spielenden einander einfach und effizient kommunizieren, dass sie sich eine andere Richtung im Spiel wünschen. Wenn beispielsweise eine Impactsession stattfindet und der Sub «Gelb» sagt, wird es vielleicht gerade zu intensiv oder zu repetitiv oder die Fixierung drückt etc., aber der Sub will das Spiel nicht beenden deswegen. «Grün» meint dabei, dass alles okay ist. Vielleicht will der aktive Part die Situation explizit abchecken, weil der passive Part schwer zu lesen ist und fragt «Alles grün?» oder «Farbe?» oder «Ampel?».

Da wir ja oft im Spiel schwer reden können, weil da ein Knebel, ein Seil, ein Gag oder ein Schwanz die Sprache verhindert, oder Wörter formulieren schwer fällt weil man mental gerade in anderen Sphären unterwegs ist, ist das spielen mit Safesigns oft ganz praktisch. Das wäre dann entsprechend ein non-verbales Zeichen, dass als Safeword gilt. Verbreitet ist zum Beispiel dem passiven Part etwas in die Hand zu geben, das fallen gelassen werden soll, wenn es zuviel ist. Oder, und das erfordert etwas mehr zweiseitige Kommunikation, dass der aktive Teil dem passiven die Hand drückt, und wenn zweimal oder dreimal zurückgedrückt wird, ist alles in Ordnung – wenn nicht oder nur einmal, stimmt gerade etwas nicht. Eine weitere Variante ist, dass der oder die Sub dreifach stöhnt, klatscht, grunzt, quietscht, kneift, stampft oder ähnliches. Die Rhythmik von dreimal nacheinander ist zu absichtlich, als dass es in der allgemeinen Geräuschkulisse nicht auffallen würde.

Und dann gibt es die persönlichen Safewörter. Das ist gerade in sich entwickelnden Spielbeziehungen ein schöner Akt, gemeinsam abzumachen, was das gemeinsame Safeword sein soll. Genauso kann man für sich selbst etwas überlegen, das man in einem Spielsetting dem Gegenüber kommuniziert. Auch wenn wir in der deutschen Sprache die grossartige Möglichkeit haben, eine nahezu endlose Kette an Nomen aneinanderzureihen, ist es vielleicht von Vorteil, wenn euer Safewort etwas kürzer als «Hausverwaltungsmitgliederversammlungseinladung» ist, aber hey, was auch immer ihr gut findet.

Falls nichts anderes miteinander ausgemacht wurde, also falls nicht explizit über Safewörter vor dem spielen geredet wird, ist «Mayday», «Rot» oder auch einfach «Aufhören» und «Stop» immer gültig.

Jetzt gehen wir die Sache noch etwas tiefer an:

Warum soll «Nein» oder «Stop» nicht einfach immer genug sein? Wir verhandeln und sprechen vor dem Spiel über Grenzen, damit wir uns während dem Spiel der Illusion der absoluten Macht und bedingungslosen Unterwerfung hingeben können. Deswegen ist es ein kluger Mechanismus, sich mit einem «spielfremden» Wort aus dem Spiel zu lösen. Hinzu kommt, dass es schaurig schön und befreiend sein kann, in einem Spiel zu betteln und zu flehen und «Nein» und «Hör auf» sagen zu können, ohne dass das Spiel dadurch abgebrochen wird. Sowas ist natürlich im Voraus abgemacht und die Spielenden kennen ihre Safewörter. Ein weiterer guter Grund kann sein, dass der aktive Teil seinem Gegenüber Auflagen gibt, wie der passive Part überhaupt kommunizieren darf. Wenn dann ein Moment der Überforderung passiert, und es nicht möglich ist die korrekte Formulierung für einen Richtungswechsel sich zusammenzustückeln, kann ein Safeword ein sicherer und effizienter Ausweg sein.

Es gibt auch Hemmungen, ein Safeword zu benutzen. Wenn zwei oder mehr miteinander spielen, wollen natürlich alle, dass auch die anderen dabei Spass haben. Ein Safeword auszusprechen und damit das Spiel zu beenden, kann bei manchen eine gewisse Hemmung aufbauen das zu tun aus Angst, das Gegenüber zu enttäuschen oder weil man sich ein falsches schlechtes Gewissen macht. Ich würde dazu die gegenteilige Perspektive einnehmen: Wenn sich jemand beim spielen nicht mehr OK fühlt, und das den anderen vorenthält, ist das viel belastender, als das Spiel abzubrechen und vielleicht später nochmals zu starten oder ein anderes Mal. Egal was für eine Praktik du machst, du darfst alles zu jedem Zeitpunkt abbrechen.

Wenn ein Safeword ausgesprochen wird, bedeutet das erstmal für den aktiven Part aufzuhören mit was auch immer man gerade dran ist. Falls der Bottom irgendwie festgemacht ist, die Bondage lösen und in aller Ruhe fragen, was nicht gut ist. Da wir uns beim Spielen teilweise mental in anderen Sphären bewegen, kann es dem Bottom unter Umständen schwer fallen zu artikulieren. Wenn der Bottom nicht gerade kommunizieren kann, was nicht mehr gut ist, darf man dem auch Raum geben als Top und muss nicht nachbohren. Erstmal dafür sorgen, dass die Toys aus dem Weg geräumt werden und der Bottom warm und zu trinken hat. Wenn körperlich nichts akut versorgt werden muss, kann später oder auch erst ein paar Tage drauf in Ruhe darüber geredet werden. Oder wenn es weder emotional noch körperlich eine grosse Sache war, habt ihr vielleicht auch am selben Abend wieder Lust nochmals anzufangen. Das alle Beteiligten so wieder auf den Boden zurückkommen, wie sie es brauchen, ist erstmal wichtiger, als die Session akribisch zu sezieren.

Jetzt habe ich ein Beispiel beschrieben, wie der passive Part safeworded. Mit ordentlich Nachdruck und Fanfaren und Leuchtstift möchte ich betonen, dass genauso der aktive Part sich in einer Situation wiederfinden kann, wo sie oder er safeworden möchte. Auch für Tops können Sessions an einen Punkt kommen, wo gestoppt werden muss. Da kann die wundervolle Konvention ein Safewort zu sagen oft einfacher sein, als “ähm, du hör mal, sorry, ich glaub ich kann nicht mehr.”, wenn man körperlich, emotional oder psychisch merkt, dass sich das spielen jetzt grade nicht mehr gut anfühlt.

Wenn ich schon bei Fanfaren und Leuchtstift und Nachdruck bin, gleich noch was: Es ist gängige und wichtige Praktik, ein Safeword nie zu hinterfragen. Das wäre ein massiver Vertrauensbruch. Ein Safeword muss nie begründet werden – egal ob es von der aktiven oder passiven Seite ausgesprochen wird, egal zu welchem Zeitpunkt, egal aus welchem Grund.

«Kumquat Beyoncé Bundesrat Kaulquappe Pandabär» … wenn das jemand von sich gibt beim spielen, ist es übrigens recht wahrscheinlich, dass das Safeword einfach vergessen ging.

Die falschen Normen

Wer seine Reise in die grosse, weite Welt der Perversionen beginnt, googelt sich wohl auch die Finger wund zu allem Möglichen. Dabei passiert manchmal etwas Seltsames: Obwohl du weisst, dass du weit ausserhalb der «Norm» bist mit deinen Freuden, kommen ganz neue Normen auf Dich zu. Mit diesem Blog will ich versuchen, ein paar davon ein wenig einzuordnen.

«Es gibt klare Identifikationen und du musst dich genau daran halten»: Also es gibt grundsätzlich Dom und Sub, oder Switch. Und dann Master und Slave, und das ist anders weil soundso. Und dann Mommy und Boy. Und dann Primal und Prey. Und dann Hinz und Kunz. Und dann weissichnichtwasalles. All diese Töpfchen, diese Labels, sind historisch gewachsen. Sie sind super praktisch, um mit anderen Kinksters zu kommunizieren, haben in sehr spezifischen Kontexten auch ganz scharfe Abgrenzungen und Bedingungen, und sind aber für deine Lust und dein Spiel nur so relevant, wie du es willst und sie dich empowern. Wenn es ein schönes, lustvolles Gefühl auslöst, dich in einem Begriff sehr wiederzufinden – toll! Wenn damit aber dann Sätze aufkommen wie «ja also ein richtiger Sub ist ja soundso definiert», dann darf das herzhaft hinterfragt und ausgelacht werden. Es gibt weder die BDSM-Polizei noch das BDSM-Gesetzbuch. Was es gibt, ist deine Lust und die darf auch kommuniziert werden mit «Mich turnt das mega an, wenn du mich Herrin nennst» oder «Admiralin» oder «Schwester» oder «Seegurke». Entsprechend auch im Umkehrschluss davon auszugehen, dass jemand soundso ist, wenn er sich im perversen Alltagsgespräch als «Master» bezeichnet, haut nicht so hin. Klar hat dieser Mensch vermutlich Freude daran, Top zu sein, aber er hat ziemlich sicher keinen Masterabschluss von der Schweinereienuniversität und ist deswegen in diesen und jenen Spielformen phänomenal gut. Die Internettests, die dir eine Liste generieren zu wieviel Prozent du welches Label bist, können hilfreich sein zu deiner Lust überhaupt den verbreiteten Namen zu finden, aber die geben dich weder adäquat wieder, noch sollen dir die Bereiche, wo du nicht so hoch abgeschnitten hast, verschlossen bleiben.

Was eigentlich dahinter steckt: Diese Labels helfen in der Kommunikation und können sehr wirkungsvoll sein im finden deiner Kink-Identität. Sie bringen aber weder einen Pflichtenkatalog mit sich, noch sind sie in Stein gemeisselt. Entdecke die «Labels», die dir zusagen, und auch wenn sie nur halb zusagen, bist du trotzdem willkommen dort.

«Achtung! Nein! Vorsicht! Das darfst du nicht!»: Sobald man über BDSM mehr erfährt, hört man auch bei nahezu allen Praktiken von Sicherheitshinweisen. Und das ist auch gut so. Es macht Spass und Sinn, zu wissen was man tut. Skeptisches Denken, Empathie und Kommunikation reichen da schon sehr weit. Spannend wird es beim Erlebnis von «oh, das hab ich nicht gewusst». Was wär das schon für eine Freude, wenn was schief läuft und man hat keine Ahnung was tun? Das soll kein Hemmnis fürs Spiel sein und schon gar kein Verbot, sondern vielmehr im Gegenteil eine Lust: Wir können hemmungslos dieses Spiel machen, eben weil wir ungefähr wissen, was im Worst-Case zu tun wär, und weil wir wissen was Spass macht und welche Sachen eine nicht so prächtige Idee sein könnten.

Was eigentlich dahinter steckt: Diese Sicherheitshinweise wollen eine Einladung sein, mehr zu entdecken, und keine verschlossene Türe. Weil unsere Spielarten auch Risiken mit sich bringen, tut das gut, sich darüber zu informieren.

«Wer super erfahren ist, ist super cool und super begehrt!»: Alle fangen irgendwo mal an. Es ist natürlich eine schöne Sache, den Menschen zuzuhören, von denen man etwas lernen kann, aber das sind meistens nicht die, die dir in den ersten paar Sätzen ganz dringend erzählen wollen, was sie schon alles gemacht haben. Besonders wenn dir jemand in den Onlinewelten ein Gefühl der vermeintlichen Unterlegenheit aufdrücken will durch grosse Selbstlobhudelei, steckt da kaum mehr dahinter als Unsicherheit. Du musst nicht erfahren sein, um BDSM zu machen. Du darfst kommunizieren, worauf du Lust hast, was du entdecken und erleben willst. Und wenn es etwas gibt, was dich interessiert und du nicht so recht weisst «wie», dann findest du sicher den passenden Workshop auf der IG Seite gelistet oder schreib uns an, und wir helfen dir jemanden zu finden, der/die es dir zeigen kann.

Was eigentlich dahinter steckt: Wenn man mit jemandem spielen will, ist es gut voneinander zu erfragen, wo ungefähr die Erfahrungen liegen, um aufeinander eingehen zu können, um im Sinne von RACK (Risk Aware Consensual Kink) zu spielen, um gemeinsam auch das zu tun, worauf beide Lust haben. Leute, die sich dabei dann schaurig aufplustern, werdet ihr leicht durchschauen. Keinesfalls müsst ihr irgendjemandem etwas vormachen, um «begehrt» zu sein.

«Du darfst nur dann BDSM machen, wenn du in Lack und Leder gehüllt bist!»: Viele von uns stehen da sehr drauf, mit der Geschichte des Kink hat es erst recht viel zu tun und aus der Popkultur ist das nicht mehr wegzudenken. Aber falls du weder mit Leder noch mit Latex was anfangen kannst, heisst das nicht, dass du nicht «dazu gehörst». Für die einen ist es was, für die anderen nicht. Wenn bei einer Einladung zu einer Playparty steht, dass Fetischkleidung erwünscht ist, heisst das nicht, dass das auf Latex und Leder reduziert ist. Die Idee dahinter ist, dass es wunderschön sein kann, sich in einem solchen Setting extra herausgeputzt herumzubewegen. Aber alle Veranstalter*innen wissen, dass das auch eine Geld- und Lustfrage ist und wollen dich vielmehr dazu einladen, dich so zu zeigen, wie du dich sexy fühlst, als dass das ein Gatekeeper-Gedanke ist im Sinne von «wenn du das nicht magst, hau ab.» Falls da Unsicherheiten sind, darfst du die Veranstalter*innen auch kontaktieren, und nachfragen, ob dein Nicht-Lack-oder-Leder-Outfit okay ist.

Was eigentlich dahinter steckt: Leder und Latex sind ein wichtiger Teil unserer Subkultur, aber keineswegs eine Bedingung dafür darin stattfinden zu dürfen.

Kurzum: BDSM ist wie ein Süssigkeitenwarenladen und du darfst dir alles nehmen, das dir gefällt. Die einzige Norm bei uns ist, dass wir im Sinne von RACK miteinander spielen und Respekt vor der Privatsphäre aller Beteiligten haben.

 

SSC und RACK und PRICK

Kink kann manchmal ganz schön nerdig sein. Und wenn du dich der philosophischen Streitfrage stellst, ob SSC oder RACK oder PRICK richtig ist, dann bist du jedenfalls hier richtig.

Kink kann manchmal ganz schön nerdig sein. Und wenn du dich der philosophischen Streitfrage stellst, ob SSC oder RACK oder PRICK richtig ist, dann bist du jedenfalls hier richtig.

Die Abkürzung SSC steht für «safe, sane und consensual», also «sicher, gesund und einvernehmlich». RACK steht für «risk aware consensual kink», also «riskiobewusstem einvernehmlichen Kink». Und zu guter Letzt PRICK steht für «personal responsibility, informed consensual kink», das übersetz ich mal mit «eigenverantwortlichem, informierten und einvernehmlichen Kink».

Mit dem Aufkommen von SSC in der Kinkszene, hat man gegenüber der Welt kommuniziert, dass wir in einer sicheren, nicht idiotischen und einvernehmlichen Art und Weise miteinander spielen. Da der Blick von aussen auf unsere Szene halt meistens einer ist, der uns als krank, psycho und daneben abstempelt, bringt die Abkürzung SSC die Diskussion entwaffnend auf eine andere Ebene. Toll daran ist, dass diese Abkürzung per se schon Gespräche starten kann und wir alle uns damit auch selbst reflektieren, wie wir die Themen Sicherheit und Konsens praktizieren. Etwas illusorisch ist die Annahme, dass Kinksters vor dem heilsamen Einführen des Begriffs SSC in wilder nicht-einvernehmlicher Manier die tödlichsten Praktiken miteinander ausgelebt hätten. Hüpf-Flogging auf ungesicherten Drahtseilen über der Viamala Schlucht oder so.

Und woher kommt das eigentlich? Die Amis haben 1908 angefangen im Voraus zu ihrem Nationalfeiertag mit dem Slogan «Have a safe and sane Fourth of July» auf die Gefahren von Feuerwerk hinzuweisen. Das hat wohl immer wieder zu Feuerwerks-Unfällen geführt rund um den Feiertag. Die Interessensgemeinschaft New York Gay Male S/M Activists, kurz GMSMA, hat in ihrem Leitbild zum ersten Mal safe, sane and consensual 1983 verwendet. Gemäss den Erzählungen der Gründer sind sie auf diesen Spruch gekommen, weil sie mit dem safe and sane Slogan aufgewachsen sind und der so einfach zu erinnern war. Sie wollten mit dem SSC Begriff einen Gegenentwurf machen zur gesellschaftlichen Pathologisierung von SM. Ebenso hat auch der New Yorker Hellfire Club wenige Jahre davor safe and sane verwendet in ihrem Leitbild. Die Sache wurde dann aber 1987 und 1993 gross, als bei zwei Leder-Paraden in Washington SSC auf grosse Banner gedruckt wurde und sich der Begriff von dort aus in die ganze Welt katapultiert hat.

Der Unterschied den RACK dann glücklicherweise zieht, ist es zu sagen: «Hey Leute, das ist doch gelogen unsere Art von Sex als sicher anschreiben zu wollen. Nichts im Leben ist sicher.» Natürlich wollen wir alle, dass nichts schief läuft beim Spielen. Aber wenn wir konsequent nur «safe» spielen wollten, bleibt vernünftigerweise fast nichts übrig – und damit ist nicht nur Nadeln, Peitschen und Würgen gemeint, sondern genauso Bondage und D/s Spiele. Darum dieser Gegenvorschlag, der nicht das Wort «sicher» betonen will, sondern das Risikobewusstsein. Risikobewusst heisst, man kennt die Risiken und weiss, wie man sie minimieren kann oder in einem Worst-Case damit umgeht. Fairerweise muss ich anfügen, dass damals mit dem ersten S in SSC auch Safersex in Bezug auf Geschlechtskrankheiten angesprochen werden wollte, und das zweite S, das «sane», sich eher mit dem Risikobewusstsein auseinandersetzt. Aber die Annahme, dass Leute, die SSC machen, lediglich in Bubblewrap verpackt einander Komplimente zu flüstern, ist falsch.

RACK entstand bei der TES1. Die einflussreiche amerikanische BDSM Gemeinschaft The Eulenspiegel Society (TES), hat in einem Onlineforum 1999 diskutiert, mit was man SSC ersetzen könnte, wegen der oben beschriebenen Einwände. Zudem wollten sie mit dem K für Kink auch klar machen, worum es dabei geht. Auch wenn wir so tun, als ob diese Philosophien einander entgegen stünden, der RACK «Erfinder» Gary Switch selbst meinte, dass die absolut kompatibel seien und kein Akronym Kommunikation ersetzen kann. Weil die TES damals mit Magazinen, Newslettern und Onlineforen sehr präsent war, hat sich dann das RACK per Internet ratzfatz in alle Communitys verbreitet.

Jede neue Generation soll, darf und muss sich neu erfinden, und so hat sich von den Akronymen der neuen Generation PRICK am stärksten durchgesetzt. Mit der Betonung auf der persönlichen Verantwortung und dem Informiert-Sein, wird der Unterschied zu RACK dahingehend gezogen, dass es eine ungute Sache sein kann, wenn zwei zu einem Spiel «ja» sagen, aber nur ein Part abschätzen kann, was das eigentlich bedeutet. Gerade wenn die Spielenden unterschiedliche Erfahrung haben in einem bestimmten Spielbereich, fehlt es dem weniger erfahrenen Teil an der Grundlage, eigenverantwortlich zu handeln. Auch da kann man mit philosophischem Spass dann leicht dagegen argumentieren, dass wenn ein Konsens nicht ein informierter Konsens ist, gar kein Konsens ist. Wie auch die Tatsache, dass wenn man was zum ersten Mal macht, wohl gar nicht so genau abschätzen kann, was da alles auf einen zukommt. Obendrauf kommt, dass wir das ja auch geniessen, in einer Session Verantwortung abzugeben. Nichtsdestotrotz ist diese Betonung der Eigenverantwortung etwas weiter gefasst natürlich genau richtig für unsere Perversionen. Aber dann davon ausgehen, dass Leute die nach Schema RACK spielen, keine Eigenverantwortung übernehmen, sondern vor ihrer unabsichtlichen Bondage Session einfach die Dumm-Gelaufen-Versicherung bei der internationalen BDSM-Risiko-Anstalt erneuern, ist nur ein Gerücht.

Warum ich diese Abkürzungen trotzdem liebe? Weil wir damit reflektieren und auch kommunizieren können, dass wir mit unseren Perversionen umzugehen wissen; weil es ein Gegenentwurf ist zum gesellschaftlichen «das ist ja verantwortungslos und gefährlich was du da machst»; weil wir den Guinessbucheintrag wollen für die Subkultur mit den meisten Abkürzungen.

Was auch immer euch davon am meisten zusagt – das Internet hat euch noch massig mehr dazu zu erzählen.

1 https://fetlife.com/users/53355/posts/25734

Saubere Sache – Ein Hygiene Leitfaden

Mit intensivem Spielen kommt auch die Frage nach der Instandhaltung von Spielzeug und Spielumgebung. Aber wie? Von übertragbaren Krankheiten bis zu Schimmel – mit diesem Leitfaden wollen wir euch eine praxisnahe und konkrete Hilfe für den schmutzigen Alltag geben.

Mit intensivem Spielen kommt auch die Frage nach der Instandhaltung von Spielzeug und Spielumgebung. Aber wie? Von übertragbaren Krankheiten bis zu Schimmel – mit diesem Leitfaden wollen wir euch eine praxisnahe und konkrete Hilfe für den schmutzigen Alltag geben.

(Diesen Blog schreibe ich als interessierter «Praktiker». Ich habe keinerlei medizinische oder chemische Ausbildung.)

Zu RACK, also risiko-bewusstem einvernehmlichen Kink, gehört auch das unsexy Thema der Krankheitserreger und dem Reden darüber. Mit diesem kleinen Hygiene Leitfaden möchte ich einen realistischen und praktikablen Ansatz zum Thema bieten, wie ihr euer Spiel sauber halten könnt.

Wenn ihr mit jemand Neuem spielt, ist es kein Affront danach zu fragen, wie dieser Mensch seine Toys sauber hält. Im Gegenteil, wenn das Gegenüber reagiert mit «Pff, zweifelst du etwa meine gottgegebenen BDSM-Putz-Skills an?» dann ist das eher ein Warnhinweis. Risk aware bedeutet, dass wir uns bewusst sind, was die Risiken sind, damit wir gut damit umgehen und eben auch problemlos darüber reden können.

Krankheitserreger können alle möglichen Formen haben (Bakterien, Viren, Pilze…) und beziehen sich hier nicht nur auf die klassischen Geschlechtskrankheiten wie HIV oder Tripper, sondern mitgemeint sind auch der elende Hefepilz, Bakterielle Vaginose BV, Schimmel oder E-Coli. Diese können in einer langjährigen monogam geschlossenen Situation genauso akut sein.

Wir unterscheiden drei Sachen: Etwas ist sauber, wenn es mit Seife und Wasser gewaschen wurde. Das nimmt in den meisten Fällen rund 95% der Erreger weg. Etwas ist im Sprachgebrauch unseres Kontextes desinfiziert, wenn hier beschriebene Methoden angewendet wurden, sprich etwas richtig mit Desinfektionsmittel behandelt ist. Das schraubt diese Prozentzahlen nochmals ordentlich rauf und trifft Erreger, die mit Seife und Wasser nicht immer gepackt werden. Von steril reden wir schon gar nicht. Steril ist ein Zustand, den wir mit unseren Möglichkeiten meist gar nicht hinkriegen. Wir können uns lediglich sterile Einweg-Toys anschaffen bspw. im Bereich des Medical Plays, oder haben tatsächlich tolles Equipment, um zu Sterilisieren, und diejenigen Kinksters, die das haben, wissen auch wie damit umgehen.

Mit den folgenden 6 Punkten habt ihr gefühlt 80% der Themen abgedeckt:

– Händewaschen. Vor dem Spiel und nach dem Spiel. Und logischerweise nach jedem Toilettengang dazwischen. Idealerweise noch Händedesinfektion drauf, einreiben und trocknen lassen.

– Die Spielumgebung säubern. Wenn es irgendwo sichtbare Unreinheiten hat, macht ihr die zuerst mit Seifenwasser weg. Dann wird alles mit dem Flächendesinfektionsmittel, das an der Playparty zur Verfügung steht (meist alkoholbasiert), nebelfeucht abgewischt und ihr lässt das trocknen. Auch für bei sich zu Hause ist das eine gute Routine.

– Wenn ihr nicht fluid-bonded seid, dann gehört über alles, was in Körperöffnungen reingeschoben wird, ein Kondom drüber. (Fluid-bonded bedeutet, dass zwei Menschen in einer sexuellen Beziehung sind, beide einen Checkup gemacht haben und ihre Körperflüssigkeiten unbedenklich austauschen.) Fragt euer Gegenüber, ob eine Latexallergie besteht. Zudem die gewohnten Safer-Sex Praktiken von Handschuhen und Lecktüchern.

– Nach dem Spiel werden die Toys gereinigt, und zwar, ob sie mit Kondom benutzt wurden oder nicht. Egal was für ein Material es ist, da gibt es immer zwei Schritte (ich werde gleich noch toy-spezifischer). Zuerst mal alle eingetrockneten Sekrete und Gleitmittel mit warmem Wasser und Seife abwaschen, bzw. bei Blut zuerst mit kaltem Wasser starten. Denn, wie kontraintuitiv das auch klingen mag, mit noch mehr Desinfektionsmittel das wegschrubben machts nicht besser. Zuerst Verschmutzungen weg, erst dann desinfizieren. Dafür kauft ihr euch in einer Apotheke ein Flächen-Desinfektionsmittel, zum Beispiel Desinfektionstücher, reibt das Toy damit grosszügig ab und lässt es ohne weiteres Zutun trocknen. Falls es ein Toy ist, das mit Schleimhäuten in Kontakt kommt wie ein Ballgag, Plug, Dildo, könnt ihr es nach der Trockenzeit noch mit Wasser abwaschen, denn Alkohol kann reizend sein auf Schleimhäute.

– Wenn du gerne als Switch oder als passiver Part mit verschiedenen Partner*innen spielst, macht es schaurig viel Sinn, dass du dir deine eigenen Toys anschaffst. Damit hast du die Kontrolle über die Sauberkeit davon und bist ja mit dir selbst sozusagen fluid-bonded.

– Wenn etwas zuerst anal verwendet wurde, gehört es grundsätzlich nicht gleich in andere Körperöffnungen rein ohne Kondomwechsel. Kann man natürlich trotzdem machen, aber dann kommen wahrscheinlich Bakterien an Orte, wo sie nicht hinsollen. Sich nach dem Spiel waschen vermindert das dann ein wenig.

Damit ist der grösste Teil schon mal abgedeckt, was die Spielhygiene betrifft. Jetzt wird es etwas komplizierter:

– Das Desinfektionsmittel, das ihr kauft, sollte mindestens bakterizid, levurozid und viruzid wirken. Das ist in der Schweiz bei vielen Flächendesinfektionsmittel gegeben, auch wenn sie echt schlecht im Anschreiben davon sind (auch auf den Webseiten der Hersteller und den Dokumentationen dazu). Ein Gespräch in der Drogerie hilft weiter, und sonst sind die Standard Desinfektionstücher schonmal viel besser als gar nichts.

– Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis sind ideal, weil sie euch selbst am geringsten schädigen und ebenso die meisten Toys kaum. Gibt auch solche auf Javelwasser-Basis oder Peroxidbasis, da ist das nachträgliche Abwaschen dann zwingend notwendig, denn diese Stoffe sind bedeutend aggressiver für die Haut, die Atemwege und die Toymaterialien.

– Bei Desinfektionsmittel gibt es eine Relation zwischen der Konzentration des Mittels und der Einwirkzeit. Dabei ist die Konzentration gesteuert von der Material- und auch oft Hautverträglichkeit. Ein Hinweis, wie lange es einwirken muss, steht auf dem Produkt. Um sich mit der korrekten Konzentration nicht rumbalgen zu müssen, sind die vordosierten Desinfektionstücher praktisch. Wem das zu wenig nachhaltig ist und lieber Desinfektionsmittel aus der Sprüh- oder Spritzflasche einsetzt mit Papiertüchern, der informiert sich am besten direkt beim Hersteller, wieviel wovon richtig ist, wenn es auf der Rückseite der Sprühflasche nicht genug beschrieben ist.

– Jetzt reden wir mal über den Begriff «Flächendesinfektion». Der Idealfall ist ein Toy mit unporöser Oberfläche ohne Kerben, wie bspw. ein unverzierter Glasdildo. Je mehr ein Spielzeug geformt ist, bspw. ein realistischer Dildo mit Adern und Vorhaut, desto aufmerksamer muss mit den Rillen gearbeitet werden. Mit (Einweg-)Bürsten oder Zahnbürsten kommt man da schonmal weit. Je poröser das Material, desto komplizierter.

– Weiche Plastik-Toys wie Dildos, Vibratoren, Cock-Rings aus TPE, TPR, etc. können leider nicht desinfiziert werden. Da ist der Weg von Seifenwasser und danach Alkohol sicher richtig, aber diese Toys mögen Alkohol nicht und aufgrund ihrer «luftigen» Zusammensetzung können sie nicht vollständig von allen potentiellen Erregern befreit werden. Auch wenn sich diese Toys super anfühlen und überhaupt nicht “luftig” ausschauen, haben sie Poren, die gross genug sind für alle gängigen Krankheitserreger.

– Je nach Material und Grösse, bspw. Silikondildo oder Edelstahl-Wartenbergrad, kann es abgekocht werden für fünf bis zehn Minuten. Man hört auch immer wieder von Geschirrspülern: Wenn eure Maschine sehr hohe Temperaturen in einem langen Waschzyklus kann, ist das ohne Geschirrspülmittel und ohne Geschirr drin eine mitteltolle Lösung. Unsere europäischen Geschirrspüler sind aber eher auf energiesparen ausgelegt. Was funktioniert, ist das Eintauchen in Desinfektionsmittel. Also einen Behälter mit Desinfektionsmittel füllen und das Objekt eine Viertelstunde darin baden.

– Bei unseren geliebten Materialien Holz, Leder und Seilen ist es schlichtweg nicht möglich, eine richtige Desinfektion hinzukriegen. Beziehungsweise nur in einer Art und Weise, die das Objekt futsch machen würde. Nichtsdestotrotz müssen auch die möglichst sauber gehalten werden nach dem Spiel. Folgende Praktiken sind verbreitet:

o Bei Holz käme es zwar auf die Art der Verarbeitung an (lasiert, lackiert, geölt, unbehandelt), aber diese Schutzschicht ändert sich über die Jahre und den Gebrauch – sprich ist nicht mehr so perfekt, wie sie mal war. Deswegen bei allen Verarbeitungen die übliche Oberflächendesinfektion von Seifenwasser und dann Desinfektionsmittel, auch wenn das zu Verfärbungen führen kann. Und da muss man sich auch die Frage stellen, mit was es überhaupt in Kontakt gekommen ist.

o Bei Lederspielzeugen, die ihr auf Genitalien geklatscht habt, oder die zu Blutungen beim Peitschen geführt haben, gilt dasselbe wie bei Holz. Verfärbungen des Leders können durch die Reinigung nicht ausgeschlossen werden. Bei Floggern muss Riemen um Riemen gereinigt werden, wie auch dort, wo sich sonst noch “Dreck” verstecken könnte. Und auch hier wieder das Bewusstsein: Ein Lederspielzeug oder Lederkleidung kann nicht desinfiziert werden. Dafür ist die Oberfläche zu porös. Mit Seifenwasser, Flächendesinfektion und anschliessender Lederpflege, ist es sehr sauber, aber wie zumutbar das für euch und euer Gegenüber ist, müsst ihr gemeinsam kommunizieren. Das soll nicht zu einer Keimphobie leiten, sondern die realistische Frage aufbringen: Wohin haut man mit welchem Toy bei wem, welche Risiken bestehen, wie schlimm ist das für euch und wie geht ihr damit um.

o Bei Seilen haben wir zwar mit Hanf, Jute und Flachs Naturmaterialien, die von Haus aus antibakteriell sind, aber auch hier bleibt es bei derselben risk-awareness wie bei Holz und Leder. Grundsätzlich mal Abwischen mit einem Desinfektionstuch und trocknen lassen. Wenn das Seil als Crotch-Rope benutzt wurde: Dem Gegenüber schenken oder beim Seilen ein Seil benutzen, das auch in die Waschmaschine gehen darf bei hohen Temperaturen (oder den Backofen oder in die Sonne legen). Besser ist es, als passiver Part selbst ein Seil mitzubringen, das als Crotch-Rope benutzt werden kann. Der Einfluss des Reinigens auf die Belastbarkeit der Seile in einem Suspension-Setting ist nochmals ein weiteres Thema, und eure Lehrperson im Dojo kann euch da mehr dazu sagen.

– Gleitmittel mit verschiedenen Partner*innen zu teilen ist nicht optimal, weil das Abwischen mit dem Finger von der Tube Erreger in die Tube bringen könnte. Je besser der Dispenser und je geübter deine Handgriffe sind, desto «sicherer». Aber hey, bring doch einfach deinen eigenen Lieblingslube mit zum Spielen.

– In Sexshops kriegt ihr auch speziell angefertigte Toycleaner, meist als Sprays aber auch als Tücher. Die sind preislich etwas höher als handelsübliches Desinfektionsmittel, aber sind dafür oft spezifisch auf Haut- und Toyverträglichkeit hin fabriziert.

Ein kleiner Exkurs noch: Wenn wir über solche Themen reden, bedienen wir uns automatisch dem Vokabular von “schmutzig”, “reinigen”, “Verunreinigung”, “Krankheitserreger”. Damit kommt ein komischer, moralischer Beigeschmack mit, der dann manchmal so kleine Hemmungen oder Ängste im Kopf einbaut. Nur um das gesagt zu haben – an euch und euren Körpersäften ist überhaupt nichts falsch oder ungesund und all eure Toys sollen unbedingt im ausgelassenen Spiel von hinten bis vorne von all euren Körpersäften triefen. So wie wir unsere Kleider waschen, so waschen wir auch unsere Spielzeuge.

Noch ein Gedanke zum Schluss: Nichts ist absolut sicher. Wir reden von «safer sex» nicht von «safe sex». Das heisst aber auch, dass ihr realistisch sein dürft und mit klugen Praktiken nicht in einer Angst leben müsst.

Hier ist noch ein Link zu einem viel ausführlicheren und fundierteren Dokument von der Gentledom Community: https://gentledom.de/fileadmin/99_Downloads/LeitfadenDesinfektionLangfassung.pdf

Soviel zur Sauberkeit, jetzt viel Spass beim dreckig sein.

Januarloch – Die Welt der Pervertables

Passend zum Januarloch und überhaupt als Inspiration, dass es nicht immer teuer sein muss – die herrlich perverse Welt der Pervertables. Mit Pervertable bezeichnen wir einen gewöhnlichen Alltagsgegenstand, den wir für unsere Vergnügen zweckentfremden.

Passend zum Januarloch und überhaupt als Inspiration, dass es nicht immer teuer sein muss – die herrlich perverse Welt der Pervertables. Mit Pervertable bezeichnen wir einen gewöhnlichen Alltagsgegenstand, den wir für unsere Vergnügen zweckentfremden. Objekte, die nicht fürs Spielen gedacht sind, brauchen natürlich auch das entsprechende Risikobewusstsein und das bedeutet sich das Wissen aneignen, was wie auf den Körper wirkt. Das Thema Sicherheit überlasse ich aber hier in diesem Blog meistens euch selbst. Wenn man sich folgende Fragen stellt, hat man schonmal mitgedacht: Hat es schnittige Kanten oder spitzige Metallaufsätze? Kann es ab- oder zerbrechen? Ist es sauber? Kann ich ein Kondom drüber tun? Hat es womöglich eine stärkere Wirkung als erwartet? Wie schlimm wäre ein Worst-Case und was tue ich, wenn er eintritt? Wie wahrscheinlich sind kleinere Unfälle und wie behandle ich diese?

In der Küche finden wir mit Holzkellen und kleinen Schneidebrettern die grossen Klassiker der Pervertables. Genauso Spass macht aber auch der Spachtel aus Silikon oder Wallhölzer. Da liegt noch einiges mehr drin: Abtrocktücher eignen sich für Blindfolds. Frischhaltefolie für Bondage oder Mummifizierung. Wasser mit verschiedener Temperatur aus Gläsern oder Karaffen über den Körper des Gegenübers während dem Spiel zu giessen, macht grossen Spass im Sensationsplay. Gute Pflanzenöle sind ein hervorragender Lube1. Geputztes Gemüse, je nach Form, lässt sich in alle erdenklichen Löcher (nicht zu tief) einführen mit nem Gummi drüber. Mit Ingwerwurzel (das nennt man Figging) oder Schärferem lässt sich das auch machen, oder einfach draufreiben für je nachdem sehr intensives Chemicalplay – aber Vorsicht, wenn ihr das angefangen habt, gibt es kein zurück mehr… Aus zwei Essstäbchen, die an den Enden mit einem Gummi zusammengehalten werden, lässt sich eine tolle Klemme für Genitalien, Nippel oder Zunge improvisieren. Alle möglichen Schüsseln, Teller, Gläser eignen sich zum Auffangen und Wiederverwenden diverser Körperflüssigkeiten. Obendrauf bietet die Küche ein wundervolles Setting für Dominanz und Unterwerfungs Dynamiken und Service-Play an, in endlosen Varianten von Kochen bis Servieren.

Der Keller, Putzschrank oder Werkzeugkasten hat auch so einiges zu bieten. Für die Glücklichen, die zuhause einen Kamin haben: Auf einem gewöhnlichen Holzscheit knien zu müssen, hat es in sich. Die vielen Rohre und Leitungen im Keller können gut funktionierten, um jemanden kurzzeitig zu fixieren, aber das ist definitiv eine Sache, die vorher überprüft werden muss und wo das Anwendungsszenario durchdacht sein sollte. Mit Schnürsenkeln von den alten Wanderschuhen, Schleifen aus der Weihnachtsdekobox, Wäscheschnur oder Ketten improvisiert sich prächtig eine Fixierung dazu. Ein Putzeimer über dem Kopf verzerrt die Wahrnehmung von Geräuschen und schränkt die Sicht entsprechend ein. Mit vielgliedrigen Blechrechen, Schleifpapier, Nägeln oder groben Gartenhandschuhen kann man den Bottom aufregend streicheln. Wäschechlüpperli (also Wäscheklammern) geben tolle Klammern her und ein sauberer Teppichklopfer ein ordentliches Impacttoy. Oh und die Lichterketten im Estrich können helfen ein phänomenales Aftercaresetting zu bauen.

Das Badezimmer hat mit flachen Haarbürsten grossartige Paddles zu bieten. Auch die Vorderseiten lassen sich verwenden zum Streicheln und Kratzen, dasselbe gilt für diese grossen Rückenbürsten. Gewisse kühlende oder wärmende Salben sind seit jeher ein beliebter Teil des Chemicalplay – und auch hier wieder bedenken, dass man das nicht so leicht abwaschen kann, wenn es mal losgeht und falls auf der Packung explizit erwähnt wird, dass das nicht in Körperöffnungen gehört, Finger weg. Ein gefesseltes Gegenüber mit verbundenen Augen langsam irgendwo zu rasieren, ist ein Fest. Dem Bottom zu befehlen, sich vor den Spiegel zu stellen und zuzuschauen, was du mit ihm anstellst, genauso. Wer mit Blindfold in der Badewanne liegt, die Ohren unter Wasser, kriegt kaum noch mit, was um ihn herum geschieht. Ach und die elektrische Zahnbürste, die so schön vibriert… da bietet sich eine neue oder gut geputzte Zahnbürste an. Sich von seinem Sub waschen lassen oder umgekehrt, kann ein sehr intimes und hingebungsvolles D/s- oder Aftercare-Erlebnis sein.

Im Schlafzimmer oder Kleiderschrank lassen sich sicherlich allerlei Kleider für ein tolles Rollenspiel rauskramen. Genauso gibt es mit Kissenüberzug, langen Kleidern oder Krawatten etliche Möglichkeiten für Bondage – und das waren jetzt nur Wörter die mit K anfangen. Stoffe eignen sich gut dazu, jemandem der liegt, sitzt oder steht die Hände zu verbinden. Als ein Bondagetool das Last trägt hingegen nicht. Mit genug Erfindungsgeist, lassen sich fast alle Möbel, sei es im Schlafzimmer oder sonst wo, so verwenden, dass man sein Gegenüber dort gut festbinden kann. Mit Kleidern oder getragener Unterwäsche gibt es verschiedene Wege für ein vergnügliches Humiliationplay. Gürtel und kleine Lederhandtaschen machen sich hervorragend für Impactspiel, genauso wie das Buch auf dem Nachttisch. Und wer sich nicht benimmt, wird in den Schrank eingesperrt.

Wo auch immer ihr eure Sport- und Spielsachen für draussen versorgt habt: Pingpongschläger wie auch Pingpongbälle, Slackline, Cricketschläger, Frisbees, Boxhandschuhe, Turnschuhe, Schuhlöffel, hui, da gibt es viel zu entdecken.

Kurzum: Wer die Kinky-Brille im Haus auf hat, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus und fast jedes Gespräch über Alltagsgegenstände bringt einen zum Kichern…

1https://ig-bdsm.ch/en-guete-rutsch-mit-gleitmittel/

Mythenumranktes BDSM

Gerade in der kalten Jahreszeit, wenn sich Nebelschwaden auf die Landschaft legen und es im Kamin knistert, passt das wunderbar, sich ein paar Märchen zu BDSM zu erzählen… Wir machen hier genau das Gegenteil. Wir laubbläsern den Quatsch weg, verorten und entblössen ein paar hartnäckige Mythen die sich zu BDSM, zumindest in unserer Gesellschaft, aber auch manchmal in versteckten Zimmern unserer Köpfe halten.

Gerade in der kalten Jahreszeit, wenn sich Nebelschwaden auf die Landschaft legen und es im Kamin knistert, passt das wunderbar, sich ein paar Märchen zu BDSM zu erzählen… Wir machen hier genau das Gegenteil. Wir laubbläsern den Quatsch weg, verorten und entblössen ein paar hartnäckige Mythen die sich zu BDSM, zumindest in unserer Gesellschaft, aber auch manchmal in versteckten Zimmern unserer Köpfe halten.

Mythos #1: «Männer, die in verantwortungsvollen, gut bezahlten Jobs sind, lassen sich gerne dominieren als Ausgleich.» Der Genuss Verantwortung abzugeben, nicht entscheiden zu müssen, gewisse Regionen im Gehirn abschalten zu dürfen, ist für viele Menschen, die in einem Spiel subben, eine Motivation genau das zu tun. Die Verbindung zu wohlhabenden, erfolgreichen Männern hat aber einen anderen Hintergrund. Seit es die Menschheit gibt, gibt es BDSM. Die uns bekannte Professionalisierung und Spezialisierung im Sexgewerbe zur Domina ist in der heut bekannten Form aber nur ein paar hundert Jahre alt. Und da haben wir auch schon aufgedeckt woher dieser Mythos kommt: Die Preise für eine Session bei einer Domina waren schon damals höher, als für eine halbe Stunde mit einer «gewöhnlichen» Sexarbeiterin (dazu gibt es toll dokumentierte Gerichtsakten). Darum muss man die Überlegung einbeziehen, welche Männer, die gerne subben, sich das überhaupt leisten konnten in einem solchen Setting. Entsprechend wurden auch das die publik gemachten Fälle, wenn der Bürgermeister bei der Domina “erwischt” wurde und so hat sich der Mythos in den Köpfen verbreitet, weil normale Büezer nicht in die Presse kamen mit ihrem Dominabesuch.. Würde man aber heute wie auch damals eine repräsentative Umfrage starten bei Männern in einer gewissen Lohnklasse, dann wird nicht das Resultat dabei raus kommen, dass ein verantwortungsvoller Job sich mit dem Bedürfnis nach sexueller Unterwerfung deckt.

Mythos #2: «Wer BDSM betreibt, hat in der Kindheit was Übles erlebt und ist psychisch krank.» Die neuere Geschichte des BDSM ist schaurig nahe verknüpft mit der Geschichte der Psychiatrie, einfach weil auch all die Psychoanalytiker nur Menschen sind und fasziniert waren von Sex – dem den sie haben und dem den sie gerne hätten. Wegen vielen Theorien, die aus einer sehr moralisch geprägten und empathiefreien Sichtweise geschrieben wurden, hat das eine richtig lange, eingefleischte Tradition Sexualität und psychische Störungen miteinander zu verknüpfen. Freud und die Theorie des Penisneids ist ein bekanntes Beispiel dafür, wie abstrus frühe Werke zu Psychonanalyse und verwandten Gebieten sein konnten. Schaut man sich aber repräsentative Studien an, hält sich das nicht.1 Ob jemand aus seiner Kindheit unverarbeitete Traumas mit sich trägt oder nicht, hat keinen Einfluss darauf, ob dieser Mensch im Erwachsenenalter auf BDSM steht oder nicht. Das geht sogar noch weiter: Studien haben gezeigt, dass BDSMler im Alltag nicht nur glücklicher sind, sondern sogar auch psychisch «solider» und besser mit all dem umgehen können, was einem das Leben so anwirft2. Gerade letztes Jahr kam eine Arbeit raus, die nachgewiesen hat, dass Menschen, die im BDSM Kontext gerne sadistisch sind (sprich Sadismus in einem einvernehmlichen Verhältnis), in ihrem sonstigen Leben bedeutend seltener sadistisch sich verhalten sondern empathischer sind.3

Mythos #3: «Feministin sein und Sub zu einem Mann sein, geht nicht.» Die tolle Simone de Beauvoir hat «Soll man de Sade verbrennen» geschrieben, ein Buch, zu dem sie selbst im Alter aber ein gespaltenes Verhältnis entwickelt hat. Es gibt in der vielfältigen Geschichte des Feminismus tatsächlich immer wieder Schriften und Statements gegen BDSM. Genauso oft, und das wird dann nicht erwähnt, Schriften für BDSM und für eine selbstbestimmte Sexualität. Während früher noch oft betont wurde «Wir kämpfen gegen eine patriarchalische Gesellschaft und dann reproduziert eine Frau im Schlafzimmer oder vor der Kamera auf extreme Weise das, wogegen wir ankämpfen?», hat sich diese Betonung gewandelt zu einem «Wir kämpfen gegen eine patriarchalische Gesellschaft und Frauen sollen selbstbestimmt ihre Sexualität ausleben dürfen, was auch immer das in einem einvernehmlichen Verhältnis bedeutet». Wer sich jemandem in einem Spielsetting unterwirft, will damit nicht die Aussage machen, dass das «der natürliche Platz der Frau» ist oder dass Männer mehr verdienen sollen. Sondern, dass in diesem spezifischen Setting die Unterwerfung zu diesem spezifischen Gegenüber toll ist. Mir als Mann ist es unwohl, zu diesem Thema zu schreiben. Ich möchte als Kinkster quasi nicht einfach nur die Aussagen betonen, die mir gefallen und möchte als Verfechter des Feminismus auch nicht das beschriebene Unbehagen an einem solchen D/s Setting verschweigen. Darum verweise ich für Interessierte auf die tollen Autor*innen Roxane Gay und Meg-John Barker.

Mythos #4: «Marquis de Sade, da er auch Namensgeber ist, hat SM erfunden – beim Kaffeeplausch mit dem Herrn Sacher Masoch.» BDSM ist viel älter und hat über die Jahrtausende verschiedene Namen gehabt, aber anscheinend gab es über lange Zeit nicht das Bedürfnis, SM spezifisch und genau zu umschreiben. Das kam erst auf, als die Psychiatrie und Psychoanalyse sich verbreitet hat. De Sade und Sacher Masoch waren dann einfach per Zufall die Autoren, die zu dieser Zeit einen grossen Einfluss auf den Diskurs dieser beiden Enden des Spektrums hatten. Sie waren Teil der damaligen verbotenen Popkultur sozusagen. That’s all. Und in wenigen Jahrzehnten hat sich SM gegenüber anderen Begriffen durchgesetzt. Da muss man vielleicht noch nachschieben, dass die beiden sich nicht kannten, weil sie einen Altersunterschied von hundert Jahren haben, und sich frühestens in der Hölle getroffen haben – vermutlich nicht zum Kaffeeplausch.

Mythos #5: «Wer mit Age-Regression spielt, ist eigentlich pädophil.» Im Kink spielen wir gerne mit Tabus, mit dem Übernehmen und Abgeben von Verantwortung. Das schöne daran ist, dass ein Gegenüber eben diese Verantwortung willentlich abgeben möchte. Dieser Konsens steht dadurch im Gegensatz zu diesem Mythos. Jemand, der gar nicht entscheiden kann oder etwas nicht will, kann keinen Konsens geben. Mit diesem Mythos werden sozusagen Äpfel mit Birnen verglichen, oder eher Äpfel mit Kleiderbügeln. Dieser Mythos lässt sich vielleicht mit spitzigen Gegenfragen entkräften: Heisst das, dass wer auf Ponyplay steht, eigentlich Pferde begehrt? Heisst das, dass wer sich gern floggen lässt, gerne im Alltag auf Legosteine tritt? Wer sich gern die Augen verbinden lässt, lieber blind wäre? Wer Humiliation mag, sich gerne im Tram beschimpfen lässt? Wer Vibratoren toll findet, mehr Erdbeben will? Wer Bondage mag, in den Knast will? Wer Sex mag, mit jedem und jeder ins Bett will? Mit CNC, Watersports, Medicalplay könnte ich jetzt noch doofere Gegenfragen stellen. Was zwei oder mehr erwachsene Leute einvernehmlich tun als Sex, als Spiel, als Rollenspiel, ist nichts anderes als genau das. Den Konsens aus diesem Setting herauszunehmen und die Lust an einer spezifischen Situation auf völlig fremde Situationen anzuwenden, ist absurd.

So, fertig gelaubbläsert. Ich geh jetzt Legosteine wegräumen.

1 https://www.jsm.jsexmed.org/article/S1743-6095(15)30447-1/fulltext

2 https://www.dropbox.com/s/l8ep7ws8v1a1nbx/Erickson%20%26%20Sagarin%20%282021%20OnlineFirst%29.pdf?dl=0

3 Connolly, P. H. (2006). Psychological functioning of bondage/domination/sado-masochism (BDSM) practitioners. Journal of Psychology and Human Sexuality, 18, 79-120.

En guete Rutsch … mit Gleitmittel

einem ähnlichen Problem wie wenn man im Starbucks einfach “irgend es Kafi” will – die Auswahl ist riesig. Darum hier mal eine Auslegeordnung zu Gleitmittel, oder Lube wie man es aus dem Englischen eingebürgert nennt, und zwar aus einer realistischen BDSM Perspektive.

(Diesen Blog schreibe ich als interessierter «Praktiker». Ich habe keinerlei medizinische oder chemische Ausbildung.)

Da geht man in den Sexshop und will einfach einen Lube kaufen und steckt in einem ähnlichen Problem wie wenn man im Starbucks einfach “irgend es Kafi” will – die Auswahl ist riesig. Darum hier mal eine Auslegeordnung zu Gleitmittel, oder Lube wie man es aus dem Englischen eingebürgert nennt, und zwar aus einer realistischen BDSM Perspektive.

Grundsätzlich muss gesagt werden, dass Gleitmittel eine grossartige Sache sind. Und liebe Männer (oder auch Frauen): Die Vorstellung, dass die Erregtheit einer Frau sich immer am Feuchtigkeitsgrad des «Höschens» zeigt, ist nicht nur Blödsinn, sondern auch gefährlich. Damit setzt man die Idee frei, dass es ein «Scheitern» ist, wenn Lube für Vaginalverkehr benutzt wird. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Lube macht alles fröhlicher, nicht nur Fisten. Und wie sich die Erregtheit eures Gegenübers zeigt, kann niemand besser artikulieren als euer Gegenüber selbst.

Es gibt drei Arten von Lubes. Öl, Silikon und Wasser.

Mit wasserbasierten Lubes macht man grundsätzlich nichts falsch, ausser man versucht es unter der Dusche einzusetzen, denn Wasser setzt es ausser Kraft. Es ist verträglich mit allen Toy-Materialien, Kondomen, Handschuhen und Kleidungen, leitet Elektrizität und ist überall erhältlich. Flecken auf Leder, Bettwäsche, Latex sind einfach weg gemacht. Mit wasserbasierten Lubes läuft man aber schnell in die Situation, dass es nicht ausreicht, zuwenig lange oder zu wenig flutschig gleitet. Also nur um das klarzustellen, mit jedem Gleitmittel ist es notwendig, dass man mehrfach aufträgt – Gleitmittel werden absorbiert und kaum eines kann über eine ganze Session hinweg genügend Gleitfähigkeit bieten mit nur einmaligem auftragen. Es gibt auch wasserbasierte Extra-Anallubes, die dafür designt sind länger und flutschiger zu wirken, aber das reicht für Fisting oder heftigeres Spiel eben oft dann doch nicht aus. Manche schwören auch auf Pulvermischungen, die man selbst anrührt, die das leisten können.

Hier kommen die silikonbasierten Lubes ins Spiel. Diese sind merklich schmieriger, und darum super für beispielsweise Analsex geeignet – eben weil sie mehr schmieren und etwas länger anhalten. Mit Kondomen wie auch Handschuhen und Kleidungen sind die problemlos verträglich, härter wegzuputzen (wenn Seife und Wasser immer noch schmierige Rückstände hinterlassen hilft Alkohol), aber kein Weltuntergang. Jetzt aber wird es etwas komplizierter: Es gibt den hartnäckigen Mythos, dass Silikongleitmittel nicht mit Silikon-Toys verträglich sind. Das stimmt nur so halb. Silikon ist als Material in der Sexspielzeugwelt nicht reguliert, nur bspw. in der Medizin- oder Lebensmittelindustrie. Das heisst, Objekte minderer Qualität oder solche die gar nicht aus Silikon sind, aber als solche ausgegeben werden, können beim Kontakt mit Silikongleitmittel chemisch reagieren und sich verformen. Bei Spielzeugen, die jetzt nicht für fünf Franken aufm Herren-WC erhältlich sind, ist das aber oft kein Thema. Anders sieht das aus bei «weichen» Toys wie TPE, PVC, Cyperskin etc. Das verträgt sich nicht mit Silikonlube. Was für eine Art Plastikmaterial das Toy ist, sollte auf der Box angegeben sein. Nicht poröse Materialien wie Stahl oder Glas wiederum sind kein Problem. Bei Elektroplay ist es leider eine Spassbremse.

Pflanzenöl- oder Mineralölbasierte Gleitmittel schmieren mit Abstand am besten. Öl aber macht Latex kaputt, was Experimentierfreudige mit einem Gummi einfach testen können. Das heisst die normalen Kondome, Latex-Kleidung, Latex-Handschuhe sind ein No-Go mit Öl. Da müssen Kondome oder Handschuhe aus anderem Material her wie PU (aber nicht Polyisopren, ein synthetischer Latex ohne natürlichen Kautschuk) oder Nitril. Fettflecken auf Kleidung kennen wir alle, entsprechend anstrengend kann’s auf dem Bettzeug sein. Für Elektroplay ist es die falsche Wahl. Öl kann auch über längere Zeit Plastikmaterialien bei Toys tatsächlich schädigen, da gibt’s gruslige Videos online – die sind aber in eher unrealistischen Experiment-Szenarien, wo ein Spielzeug lange Zeit in Öl gelagert wird, gefilmt. Wenn doch mit Plastiktoys und Öl gespielt wurde, ist das Abwaschen danach mit Seife und Wasser schonmal ein guter Schritt. Silikontoys hingegen, auch wenn man das immer wieder überall liest, schädigt es nicht – oder nicht in einem realistischen Szenario. Diese Falschannahme kommt aus Zeiten, als Silikontoys nicht aus Silikon oder nicht aus reinem Silikon bestanden. Ein weiterer Mythos ist, dass es ungesund sei für Vulvas und dort Bakterien «einschliesse». Das basiert auf einer kleinen amerikanischen Studie mit knapp 200 Frauen in Bezug auf bakterieller Vaginose BV1. Und es drängt sich mir sehr der Verdacht auf, dass das mit unsauberen Fingern im Vaseline-Topf zutun hat und nicht mit Schleimhäuten – aber hiermit sei darauf hingewiesen. Obendrauf kommt noch: Wasserbasierte und silikonbasierte Gleitmittel sind Produkte mit entsprechender Industrie dahinter. Dann von ganz normalen Kokosnuss Öl oder Melkfett zu sprechen, mag in der Welt der bezahlten Sex-Education-Blogs nicht so attraktiv sein, geschweige denn auf den Homepages der Lube-Hersteller. Nichtsdestotrotz: Dieses Pro-Öl-Statement stammt von mir und vielen anderen Praktizierenden, und widerspricht der gängigen ärztlichen Meinung und der Meinung von vielen anderen Expert*innen. Deswegen geniesst das obenstehende unbedingt mit Vorsicht!

Wenn ihr mit Lube egal welcher Art spielt, benutzt ihr den ja mehrfach während dem Spiel. Schmiert die Flüssigkeit dabei nicht mit den Fingern vom Behälter ab. Die meisten sind ja so designt, dass man es in die Hände spritzen kann. Was dann noch an der Tube oder Flasche übrig bleibt als Tropfen kann man getrost nach dem Spiel mit einem Taschentuch wegmachen, statt mit den bereits sehr beschäftigten Fingern oder Handschuhen. Eine tolle Alternative ist es auch den Flutsch einfach in einen sauberen Seifenspender umzufüllen.

Fun Fact: Es gibt ne deutsche Gleitmittel Marke die Flutschi heisst und ich finde das sauglatt.

Und was ist jetzt mit den Aroma-Lubes, den Lubes die aufheizen, verzögern, prickeln, Spermien killen etc.? Wenn man Lust auf die hat, muss man sich bewusst sein, dass damit auch Chemikalien in den Körper kommen könnten, die nicht so famos sind. Für viele ist Oralsex mit Aroma Lube oder ein Gleitmittel dass nicht nur flutscht, sondern auch prickelt, trotzdem toll.

Während dem Spiel Lube zu benutzen, kann in jeder Art von Dynamik eine grosse Freude sein. Anstatt das wie einen komplizierten Zusatzakt zu behandeln, könnt ihr den Moment, wo der Lube rausgenommen wird, zelebrieren, geniessen, es Sensation-Play mässig ausspielen wenn der Sub zum ersten Mal eure benetzten Finger spürt, ihr könnt mit den Geräuschen drohen, es mit Worten in euer Spielsetting lustvoll einbinden, es grossflächig über eine Massage einleiten, es auf die Öffnung draufklatschen… ach die Möglichkeiten sind unbegrenzt!

Drum: En guete Rutsch!

(Für die besonders Interessierten gibt’s hier noch einen letzten komplizierten Schlenker: Beim wasserbasierten Lube gibt es zwei Faktoren, die für die Gesundheit der Vulva und die Übertragung von Geschlechtskrankheiten einen Einfluss haben können. Nämlich der pH Wert und die Osmolalität des Gleitmittels. Der pH Wert sollte gemäss WHO für Vaginalsex zwischen 3.8-4.5 liegen und Analsex 5.5-7. Diese Werte auf den Herstellerseiten zu finden, pff, viel Erfolg. Osmolalität bezeichnet das Verhältnis von aufgelösten Teilchen zum Wasser in dem sie drin sind. Dieser Wert sollte bei Lube idealerweise nicht über 380 gehen, aber maximal 1200 mOsm/kg sein, wieder gemäss WHO. Warum? Wenn dieser Wert zu hoch geht, trocknet es die Haut aus, macht sie rissig, und dadurch empfänglicher für Geschlechtskrankheiten. Unter diesem Link findet ihr mehr dazu: https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/76580/WHO_RHR_12.33_eng.pdf;jsessionid=A125D1E1758A8AFB62FA409A2B65309E?sequence=1

1 https://journals.lww.com/greenjournal/Abstract/2013/04000/Intravaginal_Practices_and_Risk_of_Bacterial.12.aspx

BDSM und psychologische Diagnostik

Disclaimer

Ich habe weder einen psychologisch-medizinischen noch einen rechtlichen Hintergrund, sondern bezeichne mich als enthusiastischen Laien. Alle Information in diesem Blog stammt aus meiner eigenen Recherche, wobei ich mich dabei oft auf Zusammenfassungen von anderen Organisationen verlassen habe [3, 7, 8]. Dieser Blog kann aktualisiert werden, falls sich inhaltliche Fehler eingeschlichen haben sollten.

DSM und ICD

Es gibt zwei Standardwerke für die Klassifizierung von psychologischen Störungen: Das “Diagnostische und Statistische Manual Psychologischer Störungen” (kurz DSM, verfasst von der American Psychiatric Association APA [1]), sowie die breiter gefasste “Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme” (kurz ICD, verfasst von der Weltgesundheitsorganisation WHO [2]), welche sich über alle medizinischen Themen erstreckt. Die aktuelle Version DSM-5 wurde im Jahr 2013 veröffentlicht. Die ICD-10 stammt aus dem Jahr 1992, wurde aber mehrmals aktualisiert, zuletzt 2016. Die neue Version ICD-11 soll 2019 veröffentlicht werden. Die ICD ist wegen der gewollten interkulturellen Perspektive oft weniger präzise formuliert, während sich die DSM vor allem auf die Situation in den USA bezieht.

Sinn und Zweck von DSM und ICD sind die klare, strukturierte Definition und Diagnose von (psychologischen) Störungen, was die Kommunikation unter medizinischem Personal erleichtert, Behandlungen zuverlässiger macht und die Forschung erleichtert. Beide Werke sind in Kapitel und Codes aufgeteilt, wobei die Codes entweder identisch sind, oder mit Tabellen einander zugeordnet werden können. So findet sich zum Beispiel in beiden Werken der Code F65.5 “Sadomasochismus”, aber in unterschiedlichen Kapiteln: In der DSM-5 unter “Paraphile Störungen”, in der ICD-10 unter “Mental and behavioural disorders -> Disorders of adult personality and behaviour -> Disorders of sexual preference”.

Da es zur DSM in Bezug auf BDSM und sexuelle Orientierung bessere Sekundärliteratur gibt, beziehen sich die fortan aufgeführten Beispiele fast ausschliesslich auf die DSM. Die Kapitel der ICD zu diesen Themen haben aber im selben Zeitraum eine sehr ähnliche Entwicklung erlebt.

Paraphilie

Unter den Fachbegriff Paraphilie fallen sämtliche Aktivitäten, welche zu sexueller Erregung führen, aber nicht die Genitalien umfassen. Dazu gehören einerseits fast sämtliche BDSM-Aktivitäten, andererseits aber auch kriminelles Verhalten ohne Einverständnis. Die DSM V definiert Paraphilie wie folgt [4]:

“Der Begriff der Paraphilie bezeichnet jedes intensive und anhaltende sexuelle Interesse, das kein sexuelles Interesse an genitaler Stimulation oder am Vorspiel für sexuelle Handlungen mit phänotypisch normalen, körperlich erwachsenen, einwilligenden menschlichen Partner ist.”

Folgende paraphilen Störungen werden explizit unterschieden:

  • Voyeurismus (andere Menschen bei sexuellen Aktivitäten beobachten)
  • Exhibitionismus (eigene Genitalien vor anderen Menschen entblössen)
  • Frotteurismus (sich an anderen, nicht einwilligenden Menschen reiben)
  • Masochismus (selber gedemütigt, geschlagen oder gefesselt werden)
  • Sadismus (andere Personen demütigen, schlagen oder fesseln)
  • Pädophilie (sexuelles Interesse an Minderjährigen)
  • Fetishismus (sexuelle Erregung durch unbelebte Objekte oder nicht-sexuelle Körperteile)
  • Travestie (sexuelle Erregung durch Crossdressing)

Diese Paraphilien werden explizit Definiert aufgrund ihrer relativen Häufigkeit verglichen mit anderen Paraphilien, und weiter wegen ihrer teilweisen strafrechtlichen Relevanz durch Schädigung unbeteiligter bzw. nicht einwilligenden Menschen.

Unter “Andere Näher Bezeichnete Paraphile Störung” fällt alles, was die Grunddefinition von Paraphilie erfüllt, aber nicht in eine der acht explizit definierten Paraphilien fällt. Zu dieser Diagnose wird ein medizinisch etablierter, aber nicht als Paraphilie definierter Begriff an die Diagnose angehängt, zum Beispiel Zoophilie.
Die Diagnose “Nicht Näher Bezeichnete Paraphile Störung” wird angewendet, wenn eine genauere Angabe nicht möglich oder nicht gewollt ist.

Der Aufbau der Kapitel ist wie folgt: Zuerst wird der Fachbegriff genannt (zum Beispiel “Sexuelle Masochistische Störung”, F65.51), gefolgt von den “Diagnostischen Kriterien”. Diese sind aufgeteilt in zwei Teile:

  • Kriterium A, also der erste Teil, umfasst die “qualitative Eigenschaft der Paraphilie” (also erforderliches Verhalten und/oder Symptome), welche für die Diagnose der Paraphilie erfüllt sein müssen.
  • Der zweite Teil, Kriterium B, beschreibt die “negativen Auswirkungen der Paraphilie (z. B. Leiden, Beeinträchtigungen oder Schädigung von anderen).”

Von essenzieller Wichtigkeit ist die Unterscheidung zwischen Paraphilie und Paraphiler Störung. Wenn nur Kriterium A erfüllt ist, handelt es sich um eine Paraphilie, also eine Diagnose ohne Folgewirkung. Wenn beide Kriterien erfüllt sind, handelt es sich um eine paraphile Störung, also eine Krankheit welche ggf. behandelt werden sollte.

Die dunkle Vergangenheit

Diagnostische Klassifizierungen werden jeweils auf dem (Un-)Wissen der jeweiligen Zeit gebildet; wobei Politik und Gesellschaft immer einen starken Einfluss darauf hatten, über was überhaupt geforscht und welche Resultate publiziert werden dürfen. Zwei Beispiele dafür sind Galileo Galilei, welcher fast hingerichtet wurde für seine ketzerische Behauptung, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist, oder die höchst polemisch-misogyne Diagnose der “Hysterie”. In einer Zeit, in der Sex nur in {natürlich heterosexueller!) Ehe zwecks Fortpflanzung und allerhöchstens in der Missionarstellung stattfinden durfte, sollte es nicht überraschen dass jegliche andere Form von Sexualität als Krankheit eingestuft wurde.

In den ersten beiden Ausgaben der DSM war die Klassifizierung von BDSM vage und nicht sehr spezifisch als “sexuelle Devianz” bezeichnet.

Mit der DSM-III-R von 1987 wurde der Begriff Paraphilie (griechisch “pará” = abseits, neben; “philía” = Freundschaft, Liebe) eingeführt und die oben erwähnten zweiteiligen diagnostischen Kriterien eingeführt. So war zum Beispiel die “Sexuelle Masochistische Störung” neu wie folgt Definiert (Kriterium A):

“Über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten wiederkehrende intensive sexuelle Erregung aufgrund von Handlungen, die Gedemütigt-, Geschlagen- oder Gefesseltwerden umfassen oder auf andere Weise Leiden hervorrufen.”

Diese Definition macht soweit Sinn und ist auch in der aktuellen DSM V nahezu unverändert. Allerdings lautete Kriterium B, also die Voraussetzungen ob eine psychische Krankheit vorliegt und ggf. behandelt werden muss:

“Die Person hat diese Bedürfnisse ausgelebt oder ist durch sie merklich beeinträchtigt”

Folglich wurde jede Form von Masochismus, auch wenn nur als Phantasie oder mit einwilligenden, urteilsfähigen Erwachsenen, zwangsweise pathalogisiert. Im Einleitungstext wird ausserdem erwähnt, dass die Ausübung der Paraphilien einvernehmlich sein kann, aber normalerweise nicht ist, und somit grundsätzlich von einer pathologischen Störung ausgeht falls nicht explizit das Gegenteil bewiesen wurde.

Dies hatte auf alle Menschen mit dieser Paraphilie massive Auswirkungen von gesellschaftlicher Stigmatisierung, Brandmarkung als krank und pervers, bis hin zu rechtlichen Nachteilen, zum Beispiel im Falle von Entzug der Obhut der eigenen Kinder.

In der DSM-IV wurde Kriterium B geändert zu:

“Die Fantasien, sexuellen Bedürfnisse oder Verhaltensweisen verursachen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, geschäftlichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.”

Auf den ersten Blick scheint nun nicht mehr automatische jede masochistische Paraphilie eine paraphile Störung zu sein – wäre da bloss nicht die Definition von “Leiden oder Beeinträchtigungen in klinisch bedeutsamer Weise”. Diese beinhaltete damals unter anderem “führt zu rechtlichen Komplikationen” und “beeinträchtigen soziale Beziehungen”. Ersteres ist klar kein medizinisches Kriterium, sondern ein Rechtliches; letzteres akzeptiert das verursachte Leid durch das gesellschaftliche Stigma als massgebend. Beides führt dazu, dass der Unterschied zwischen Paraphilie und paraphiler Störung nicht nur von subjektbezogenen medizinischen, sondern auch von gesellschaftspolitischen Kriterien abhängt.

Die aktuellen Ausgaben: DSM-5 und ICD-10

Die Kriterien für “Leiden oder Beeinträchtigungen in klinisch bedeutsamer Weise” wurden angepasst und die beiden beanstandeten Punkte ersatzlos gestrichen. Der Unterschied zwischen einer Paraphilie und einer paraphilen Störung basiert nunmehr ausschliesslich auf medizinischen Kriterien.

Weiter wird in der Einleitung zum Kapitel “Paraphile Störungen” [4] der Unterschied zwischen Paraphilie und paraphiler Störung herausgestrichen:

“Eine paraphile Störung ist eine Paraphilie, die gegenwärtig zu Leiden oder Beeinträchtigungen des Betroffenen führt, oder eine Paraphilie, deren Befriedigung mit persönlichem Schaden oder dem Risiko der Schädigung anderer verbunden ist. […] Eine Paraphilie für sich genommen rechtfertigt oder erfodert nicht notwendigerweise eine therapeutische Intervantion.”

Weiter wird betont, dass eine paraphile Störung nur dann vorliegt, wenn sowohl Kriterium A als auch Kriterium B erfüllt sind. Ausserdem wird die Selbsteinschätzung der betroffenen Person normalerweise als Beurteilungskriterium herangezogen [10].

Für weitere Paraphilien wird ähnliches angegeben, sofern sie einvernehmlich ausgeübt werden und andere Lebensbereiche der betroffenen Personen nicht beeinträchtigen.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die aktuelle DSM-V ein eigentlicher Befreiungsschlag für BDSM darstellt und als einer der Grundpfeiler zur steigenden Akzeptanz in der Gesellschaft angesehen werden kann.

Mit der DSM-5 gab es ausserdem Verbesserungen für Transmenschen: Der Begriff “gender identity disorder” (Geschlechtsidentitätsstörung) wurde gestrichen, stattdessen gibt es “gender dysphoria” für Personen, die unter einem nicht mit ihrer Geschlechtsidentität entsprechenden Körper leiden. Auch hier wurde anerkannt, dass eine Diskrepanz zwischen bei der Geburt zugewiesenem Geschlecht und der Geschlechtsidentität nicht zwangsweise eine pathologische Störung darstellt. Die Maxime ist fortan nicht mehr das Beheben einer Störung, sondern wie diese Diskrepanz vermindert werden kann [11]. Für die ICD-11 ist eine mindestens so fortschrittliche Betrachtung zu Transmenschen angekündigt.

Generelle Kritik an DSM und ICD

Es gibt Stimmen, die dafür plädieren dass sämtliche Paraphilien ersatzlos gestrichen werden. Dies wäre für den Ruf von BDSM’ler_innen sicherlich förderlich, aber tatsächlich unter ihren Paraphilien leidende Menschen wäre mangels medizinischer Grundlage schwieriger zu helfen. Da letzteres eines der Kernanliegen von DSM und ICD sind, ist eine solche Forderung aussichtslos.

Wie kam es zu diesen Veränderungen, und was sind die Auswirkungen?

Die spektakulärste Untersuchung zur menschlichen Sexualität jener Zeit war der erste Kinsey-Report von 1948: Darin wurde unter anderem Aufgezeigt, dass Devianz und Paraphilie bei 22% der (amerikanischen) Bevölkerung vorkommen, und wie weit verbreitet Bi- und Homosexualität tatsächlich ist. Diese Studie war dermassen kontrovers, dass Dr. Kinsey eine Zeit lang die zweitbekannteste Person der USA gewesen sein soll, geschlagen nur vom Präsidenten. Die Sexuelle Revolution der 60er-Jahre taten ihr übriges, dass sich die Forschung fortan objektiver mit dem Thema Sexualität befasste.

Dass Homosexualität in der DSM-III nicht mehr als Krankheit aufgelistet wurde, verdanken wir massivem Lobbying unter anderem von der “Gay Liberation Front”, welche an Tagungen der APA lautstark protestierten und auf Beachtung der neuen Forschungsresultate pochten.

Ein ähnlich grosser Einsatz war nötig, damit diverse Unterkategorien von BDSM nicht mehr pauschal als paraphile Störung abgestempelt werden. Ein spezieller Dank geht an Guy Baldwin [5] und Race Bannon [6], welche 1987 als Reaktion auf die DSM-III-R das erste “DSM-Project” starteten. Baldwin, selber schwuler Leatherman und Psychotherapeut, sah dass die Pathalogisierung von BDSM starke Auswirkungen auf die Gesetzgebung und Rechtssprechung hatte und somit zu massiver Diskriminierung führte.

Mit den Kontakten, welche die beiden bei ihrem Engagement knüpften, gründeten sie später die “Kink Aware Professionals”, ein Zusammenschluss von kink-friendly Fachpersonal unter anderem aus dem medizinischen Bereich.

An dieser Stelle etwas Werbung in eigener Sache: Die IG BDSM ist eine eigene Kink Aware Professionals Liste für die Schweiz am erstellen, welche sich hier findet.

Später wurde das DSM-Projekt von der “National Coalition of Sexual Freedom” (NCSF, gegründet 1997) unter der Leitung von Susan Wright [9] weitergeführt. Mit einer breit angelegten Kampagne wurden die oben genannten Verbesserungen in der DSM-V erreicht. Diese Kampagne beinhaltete unter anderem den direkten Kontakt mit verantwortlichen Personen aus der Arbeitsgruppe zum Kapitel Pharaphilie und das Aufzeigen der breiten Unterstützung der Forderungen unter Fachexperten. Darunter befanden sich auch Forscher_innen, die mit Publikationen in renommierten Wissenschaftsmagazinen den Diskurs signifikant beeinflussten.

Gemäss der NCSF werden als direkte Folge der Änderungen in der DSM-V massiv weniger Kinder der Obhut von BDSM-affinen Eltern entzogen, und die Anzahl der gemeldeten Diskriminierungsfälle fiel auf einen Bruchteil des Wertes vor der Veröffentlichung der DSM-V.

Schlussfolgerungen

An dieser Entwicklung lässt sich aufzeigen, wie wichtig wissenschaftliches und politisches Engagement der BDSM-Community im Allgemeinen und deren Exponenten im Speziellen sind. Unsere Szene hier hat viel von den Errungenschaften aus den USA profitiert, doch fehlt dadurch leider eine schlagkräftige Organisation zum Durchsetzen vor richtigen Veränderungen.

Es zeigt aber auch, dass gesellschaftlicher Wandel extrem träge ist und die Vorkämpfer für Veränderungen zum Besseren oft selber nicht mehr von ihren Errungenschaften profitieren können.

Quellen


[1]: https://www.psychiatry.org/psychiatrists/practice/dsm
[2]: http://www.who.int/health-topics/intern … f-diseases
[3]: https://ncsfreedom.org/key-programs/dsm … ogram-page
[4]: DSM V, Deutsche Ausgabe, Kapitel “Paraphile Störungen”, S. 941f
[5]: https://leatherhalloffame.com/inductees … uy-baldwin
[6]: http://bannon.com/bio/
[7]: https://www.theatlantic.com/health/arch … sm/384138/
[8]: http://www.fearlesspress.com/2013/07/26 … t-on-bdsm/
[9]: http://positivesexuality.org/sexposcon- … ight-ncsf/
[10]: DSM V, Englische Ausgabe, Kapitel “Paraphile Störungen”, S. 703
[11]: https://www.scientificamerican.com/arti … diagnosis/

Geschrieben von ralph_himself

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Wie BDSM unseren Alltag positiv beeinflusst

BDSM erfordert einiges an Wissen und Erfahrung, belohnt dafür aber nicht nur mit Spass, sondern auch mit vielen Fähigkeiten. Diese sind nicht auf BDSM beschränkt, sondern können in diversesten Lebenslagen eingesetzt werden, vom Umgang mit Mitmenschen bis hin zu besseren Entscheidungen im Berufsleben.

Mut für Neues

Der Einstieg in BDSM ist alles andere als einfach. Man hat gewisse Vorstellungen was auf einen warten könnte, aber es ist quasi ein Sprung ins kalte Wasser. Wer den Einstieg gewagt hat, weiss wie belohnend diese Entscheidung war, und ist eher bereit, in anderen Situationen den Schritt in eine unbekannte, aber hoffentlich strahlende Zukunft zu wagen.

Entdeckungs- und Experiementierfreude

BDSM ist eine riesige Insel voller Buchten, Wälder, Berge, Städte… Während die meisten Leute am liebsten das ganze Leben am gleichen Ort verbringen, wagen sich BDSM’ler in die weite Welt hinaus, denn hinter jeder Kurve lockt etwas bisher Unbekanntes. Besonders belohnend wird das Entdecken, wenn man nicht alleine unterwegs ist, sich an allen möglichen und unmöglichen Orten Inspiration holt und gemäss dem Motto “Irgendwann ist immer das erste Mal” neue Dinge auszuprobieren wagt. Sie haben auch gemerkt, dass “The Magic” wirklich ausserhalb der Komfortzone passiert, dass man manchmal Strapazen auf sich nehmen muss, aber dass sonst alles beim Alten bleibt und man im Alltagstrott versumpfen wird.

Die eigenen Grenzen kennen

BDSM ist so individuell wie die Menschen die es praktizieren. Niemand kann dir sagen, wie weit du dich getrauen wirst – das musst du für dich selber herausfinden. Da man für das Finden der eigenen Grenzen die Komfortzone verlassen muss, scheuen sich viele Menschen davor. Nicht so die BDSM’ler: Je besser man weiss wie weit man gehen kann, desto intensiver werden die Spiele und Begegnungen, ohne ein böses Erwachen danach.

Den (eigenen) Körper kennen

Viele Menschen wissen nicht, wie ihr eigener Körper in Extremsituationen reagiert. Schockstarre, Schwächeanfall, Orientierungslosigkeit? BDSM’ler haben schon Situationen erlebt, von denen andere Menschen nicht mal zu träumen wagen, und kennen dadurch den eigenen Körper in- und auswendig. Dies gibt ihnen in alltäglichen Krisensituationen den entscheidenden Vorteil, dass sie sich nicht erst finden oder fangen müssen, sondern sofort wissen wie sie mit der Situation umgehen können. Dies und ein gutes Verständnis von allgemeiner Anatomie kann in Notsituationen den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen.

Einfühlungsvermögen

Durch Szenen mit vielen Spielpartnern entsteht die Fähigkeit, diverseste Personen anhand von ihrer Körpersprache und ihrer Situation einzuschätzen. Was fühlt die Person, was denkt sie, was will sie? Essenzielle Fragen nicht nur während dem Spiel, sondern auch im Alltag.

Höheres Selbstwertgefühl

Wer schon mal eine 30 cm grössere und 40 kg schwerere Person gedomt hat, kennt das Gefühl der absoluten Unbesiegbarkeit garantiert. Man weiss, dass einem vielleicht nicht ganz alles auf Anhieb gelingen wird, aber dass man über sich hinauswachsen und zu unmöglich geglaubten Höchstleistungen finden kann. Diese “Can Do” Attitüde bringt BDSM’ler in jeder Situation weiter und strömt eine ansteckende Positivität aus, die andere grossartige Menschen anzieht und ihr Leben in allen Aspekten bereichert.

Die eigenen Wünsche formulieren

BDSM’ler lernen die eigenen Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen sehr akkurat zu formulieren, so dass Probleme in der Kommunikation von vornherein ausgeschlossen werden. Unklarheiten werden sofort erkannt und mit scharfen Rückfragen präzisiert. Diese verbale Präsenz verhindert nicht nur unangemessene Erwartungshaltungen auf der zwischenmenschlichen Ebene, sondern führt im Berufsalltag zu besseren Leistungen und zufriedeneren Kunden.
Offen mit anderen Menschen über die eigenen Gefühle zu reden erfordert viel Mut. Aber wer anderen seine intimsten Wünsche anvertrauen kann, lernt auch über die negativen Seiten des Lebens zu sprechen. Und in vielen persönlichen Krisen hilft es schon immens, wenn man Leute kennt welche einem einfach zuhören können.

Schlusswort

Viele Punkte davon sind für das Berufsleben derart wichtige Soft Skills, dass “BDSM” eigentlich auf den Lebenslauf gehörte. Nur schade, dass sich die allerwenigsten Arbeitgeber dessen bewusst sind. Wir behalten also alle diese Fertigkeiten für uns um das Maximum aus unserem eigenen Leben zu machen. Und wir Teilen sie mit allen, die bereit sind von uns zu lernen.

Geschrieben von ralph_himself

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Outing

Wenn man BDSM macht kommt man früher oder später an den Punkt wo man sich fragt, ob und wenn ja, vor wem man sich Outen soll. Diese Frage muss jede*r für sich selber beantworten. Trotzdem seien hier einige Überlegungen dazu zusammengefasst.

Eines ist jedoch vorweg zu nehmen, niemand hat das Recht, jemand anderen zu Outen! Dies ist ein absolutes No Go und ein unverantwortliches Eingreifen in die Privatsphäre. Wenn man also jemanden aus der Szene an einem anderen Ort trifft und der/diejenige Freunde dabei hat ist es nicht ratsam, über BDSM zu reden. Die Entscheidung, ungeoutet zu sein ist in jedem Fall zu respektieren.

Wenn man sich Outen will kann man sich folgende Fragen stellen:
Was bringt es mir mich zu outen? Man ist nicht mehr erpressbar, man kann offen über sein Wochenende / die Beziehung reden, man muss keine Spielsachen mehr verstecken.
Was sind die Nachteile? Berufliche oder private Folgen sind je nach Situation möglich.

Privat ist es meist einfacher, da gibt es Menschen die es interessant finden und andere, die nichts davon wissen wollen. Vielleicht ist sogar jemand dabei, der/die selber BDSM macht oder mal gemacht hat. Schwieriger ist es, wenn man in einer Vanilla-Beziehung lebt und der Partner / die Partnerin nichts davon wissen will. Dann muss man Lösungen finden. Diese können sehr unterschiedlich sein und eine Aufzählung würde den Rahmen dieses Blogeintrags sprengen.

Beruflich sieht die Situation etwas anders aus. Da kommt es fest darauf an, in welchem Beruf man arbeitet. So ist es bei den meisten handwerklichen, künstlerischen oder Büroberufen kein Problem, sobald es aber in den sozialen Bereich geht wird es schwieriger. Leider können viele Arbeitgeber und Mitarbeitende nicht zwischen Privat und Beruf unterscheiden und haben dann Angst, dass man mit so einer Neigung eher übergriffig wird. Dies kann man entkräften indem man offen darüber redet und Vorurteile auflöst. Unter Umständen kann es aber auch sehr anstrengend sein.

Zum Schluss noch einige Tipps, wie man es gut erklären kann.
Ein Satz, den man öfter hört ist “Aber das ist doch gefährlich”, nun, auch Kampfsport oder Klettern ist gefährlich. In diesen Hobbies wie auch im BDSM gibt es Sicherheitsmassnahmen die man einhält.
Dann kann man gerade wenn es um korrektes Verhalten gegnenüber Kunden / Klienten geht z.B. das Gegenüber (Chef, Mitarbeiter) darauf aufmerksam machen, dass viele Männer auf High Heels und Miniröcke stehen, deshalb aber nicht gleich jede Frau vögeln wollen die so angezogen ist.
Weitere Tipps findet ihr auch auf dieser Seite: http://www.sm-outing.de/_1.html

Nochmals, es ist ganz allein die eigene Entscheidung ob und bei wem man sich wie fest Outen will. Lasst euch zu nichts drängen und macht es so wie es für euch stimmt, denn ihr müsst mit den -guten und schlechten- Folgen leben.

Geschrieben von …13…

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