BDSM und psychologische Diagnostik

Disclaimer

Ich habe weder einen psychologisch-medizinischen noch einen rechtlichen Hintergrund, sondern bezeichne mich als enthusiastischen Laien. Alle Information in diesem Blog stammt aus meiner eigenen Recherche, wobei ich mich dabei oft auf Zusammenfassungen von anderen Organisationen verlassen habe [3, 7, 8]. Dieser Blog kann aktualisiert werden, falls sich inhaltliche Fehler eingeschlichen haben sollten.

DSM und ICD

Es gibt zwei Standardwerke für die Klassifizierung von psychologischen Störungen: Das “Diagnostische und Statistische Manual Psychologischer Störungen” (kurz DSM, verfasst von der American Psychiatric Association APA [1]), sowie die breiter gefasste “Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme” (kurz ICD, verfasst von der Weltgesundheitsorganisation WHO [2]), welche sich über alle medizinischen Themen erstreckt. Die aktuelle Version DSM-5 wurde im Jahr 2013 veröffentlicht. Die ICD-10 stammt aus dem Jahr 1992, wurde aber mehrmals aktualisiert, zuletzt 2016. Die neue Version ICD-11 soll 2019 veröffentlicht werden. Die ICD ist wegen der gewollten interkulturellen Perspektive oft weniger präzise formuliert, während sich die DSM vor allem auf die Situation in den USA bezieht.

Sinn und Zweck von DSM und ICD sind die klare, strukturierte Definition und Diagnose von (psychologischen) Störungen, was die Kommunikation unter medizinischem Personal erleichtert, Behandlungen zuverlässiger macht und die Forschung erleichtert. Beide Werke sind in Kapitel und Codes aufgeteilt, wobei die Codes entweder identisch sind, oder mit Tabellen einander zugeordnet werden können. So findet sich zum Beispiel in beiden Werken der Code F65.5 “Sadomasochismus”, aber in unterschiedlichen Kapiteln: In der DSM-5 unter “Paraphile Störungen”, in der ICD-10 unter “Mental and behavioural disorders -> Disorders of adult personality and behaviour -> Disorders of sexual preference”.

Da es zur DSM in Bezug auf BDSM und sexuelle Orientierung bessere Sekundärliteratur gibt, beziehen sich die fortan aufgeführten Beispiele fast ausschliesslich auf die DSM. Die Kapitel der ICD zu diesen Themen haben aber im selben Zeitraum eine sehr ähnliche Entwicklung erlebt.

Paraphilie

Unter den Fachbegriff Paraphilie fallen sämtliche Aktivitäten, welche zu sexueller Erregung führen, aber nicht die Genitalien umfassen. Dazu gehören einerseits fast sämtliche BDSM-Aktivitäten, andererseits aber auch kriminelles Verhalten ohne Einverständnis. Die DSM V definiert Paraphilie wie folgt [4]:

“Der Begriff der Paraphilie bezeichnet jedes intensive und anhaltende sexuelle Interesse, das kein sexuelles Interesse an genitaler Stimulation oder am Vorspiel für sexuelle Handlungen mit phänotypisch normalen, körperlich erwachsenen, einwilligenden menschlichen Partner ist.”

Folgende paraphilen Störungen werden explizit unterschieden:

  • Voyeurismus (andere Menschen bei sexuellen Aktivitäten beobachten)
  • Exhibitionismus (eigene Genitalien vor anderen Menschen entblössen)
  • Frotteurismus (sich an anderen, nicht einwilligenden Menschen reiben)
  • Masochismus (selber gedemütigt, geschlagen oder gefesselt werden)
  • Sadismus (andere Personen demütigen, schlagen oder fesseln)
  • Pädophilie (sexuelles Interesse an Minderjährigen)
  • Fetishismus (sexuelle Erregung durch unbelebte Objekte oder nicht-sexuelle Körperteile)
  • Travestie (sexuelle Erregung durch Crossdressing)

Diese Paraphilien werden explizit Definiert aufgrund ihrer relativen Häufigkeit verglichen mit anderen Paraphilien, und weiter wegen ihrer teilweisen strafrechtlichen Relevanz durch Schädigung unbeteiligter bzw. nicht einwilligenden Menschen.

Unter “Andere Näher Bezeichnete Paraphile Störung” fällt alles, was die Grunddefinition von Paraphilie erfüllt, aber nicht in eine der acht explizit definierten Paraphilien fällt. Zu dieser Diagnose wird ein medizinisch etablierter, aber nicht als Paraphilie definierter Begriff an die Diagnose angehängt, zum Beispiel Zoophilie.
Die Diagnose “Nicht Näher Bezeichnete Paraphile Störung” wird angewendet, wenn eine genauere Angabe nicht möglich oder nicht gewollt ist.

Der Aufbau der Kapitel ist wie folgt: Zuerst wird der Fachbegriff genannt (zum Beispiel “Sexuelle Masochistische Störung”, F65.51), gefolgt von den “Diagnostischen Kriterien”. Diese sind aufgeteilt in zwei Teile:

  • Kriterium A, also der erste Teil, umfasst die “qualitative Eigenschaft der Paraphilie” (also erforderliches Verhalten und/oder Symptome), welche für die Diagnose der Paraphilie erfüllt sein müssen.
  • Der zweite Teil, Kriterium B, beschreibt die “negativen Auswirkungen der Paraphilie (z. B. Leiden, Beeinträchtigungen oder Schädigung von anderen).”

Von essenzieller Wichtigkeit ist die Unterscheidung zwischen Paraphilie und Paraphiler Störung. Wenn nur Kriterium A erfüllt ist, handelt es sich um eine Paraphilie, also eine Diagnose ohne Folgewirkung. Wenn beide Kriterien erfüllt sind, handelt es sich um eine paraphile Störung, also eine Krankheit welche ggf. behandelt werden sollte.

Die dunkle Vergangenheit

Diagnostische Klassifizierungen werden jeweils auf dem (Un-)Wissen der jeweiligen Zeit gebildet; wobei Politik und Gesellschaft immer einen starken Einfluss darauf hatten, über was überhaupt geforscht und welche Resultate publiziert werden dürfen. Zwei Beispiele dafür sind Galileo Galilei, welcher fast hingerichtet wurde für seine ketzerische Behauptung, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist, oder die höchst polemisch-misogyne Diagnose der “Hysterie”. In einer Zeit, in der Sex nur in {natürlich heterosexueller!) Ehe zwecks Fortpflanzung und allerhöchstens in der Missionarstellung stattfinden durfte, sollte es nicht überraschen dass jegliche andere Form von Sexualität als Krankheit eingestuft wurde.

In den ersten beiden Ausgaben der DSM war die Klassifizierung von BDSM vage und nicht sehr spezifisch als “sexuelle Devianz” bezeichnet.

Mit der DSM-III-R von 1987 wurde der Begriff Paraphilie (griechisch “pará” = abseits, neben; “philía” = Freundschaft, Liebe) eingeführt und die oben erwähnten zweiteiligen diagnostischen Kriterien eingeführt. So war zum Beispiel die “Sexuelle Masochistische Störung” neu wie folgt Definiert (Kriterium A):

“Über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten wiederkehrende intensive sexuelle Erregung aufgrund von Handlungen, die Gedemütigt-, Geschlagen- oder Gefesseltwerden umfassen oder auf andere Weise Leiden hervorrufen.”

Diese Definition macht soweit Sinn und ist auch in der aktuellen DSM V nahezu unverändert. Allerdings lautete Kriterium B, also die Voraussetzungen ob eine psychische Krankheit vorliegt und ggf. behandelt werden muss:

“Die Person hat diese Bedürfnisse ausgelebt oder ist durch sie merklich beeinträchtigt”

Folglich wurde jede Form von Masochismus, auch wenn nur als Phantasie oder mit einwilligenden, urteilsfähigen Erwachsenen, zwangsweise pathalogisiert. Im Einleitungstext wird ausserdem erwähnt, dass die Ausübung der Paraphilien einvernehmlich sein kann, aber normalerweise nicht ist, und somit grundsätzlich von einer pathologischen Störung ausgeht falls nicht explizit das Gegenteil bewiesen wurde.

Dies hatte auf alle Menschen mit dieser Paraphilie massive Auswirkungen von gesellschaftlicher Stigmatisierung, Brandmarkung als krank und pervers, bis hin zu rechtlichen Nachteilen, zum Beispiel im Falle von Entzug der Obhut der eigenen Kinder.

In der DSM-IV wurde Kriterium B geändert zu:

“Die Fantasien, sexuellen Bedürfnisse oder Verhaltensweisen verursachen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, geschäftlichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.”

Auf den ersten Blick scheint nun nicht mehr automatische jede masochistische Paraphilie eine paraphile Störung zu sein – wäre da bloss nicht die Definition von “Leiden oder Beeinträchtigungen in klinisch bedeutsamer Weise”. Diese beinhaltete damals unter anderem “führt zu rechtlichen Komplikationen” und “beeinträchtigen soziale Beziehungen”. Ersteres ist klar kein medizinisches Kriterium, sondern ein Rechtliches; letzteres akzeptiert das verursachte Leid durch das gesellschaftliche Stigma als massgebend. Beides führt dazu, dass der Unterschied zwischen Paraphilie und paraphiler Störung nicht nur von subjektbezogenen medizinischen, sondern auch von gesellschaftspolitischen Kriterien abhängt.

Die aktuellen Ausgaben: DSM-5 und ICD-10

Die Kriterien für “Leiden oder Beeinträchtigungen in klinisch bedeutsamer Weise” wurden angepasst und die beiden beanstandeten Punkte ersatzlos gestrichen. Der Unterschied zwischen einer Paraphilie und einer paraphilen Störung basiert nunmehr ausschliesslich auf medizinischen Kriterien.

Weiter wird in der Einleitung zum Kapitel “Paraphile Störungen” [4] der Unterschied zwischen Paraphilie und paraphiler Störung herausgestrichen:

“Eine paraphile Störung ist eine Paraphilie, die gegenwärtig zu Leiden oder Beeinträchtigungen des Betroffenen führt, oder eine Paraphilie, deren Befriedigung mit persönlichem Schaden oder dem Risiko der Schädigung anderer verbunden ist. […] Eine Paraphilie für sich genommen rechtfertigt oder erfodert nicht notwendigerweise eine therapeutische Intervantion.”

Weiter wird betont, dass eine paraphile Störung nur dann vorliegt, wenn sowohl Kriterium A als auch Kriterium B erfüllt sind. Ausserdem wird die Selbsteinschätzung der betroffenen Person normalerweise als Beurteilungskriterium herangezogen [10].

Für weitere Paraphilien wird ähnliches angegeben, sofern sie einvernehmlich ausgeübt werden und andere Lebensbereiche der betroffenen Personen nicht beeinträchtigen.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die aktuelle DSM-V ein eigentlicher Befreiungsschlag für BDSM darstellt und als einer der Grundpfeiler zur steigenden Akzeptanz in der Gesellschaft angesehen werden kann.

Mit der DSM-5 gab es ausserdem Verbesserungen für Transmenschen: Der Begriff “gender identity disorder” (Geschlechtsidentitätsstörung) wurde gestrichen, stattdessen gibt es “gender dysphoria” für Personen, die unter einem nicht mit ihrer Geschlechtsidentität entsprechenden Körper leiden. Auch hier wurde anerkannt, dass eine Diskrepanz zwischen bei der Geburt zugewiesenem Geschlecht und der Geschlechtsidentität nicht zwangsweise eine pathologische Störung darstellt. Die Maxime ist fortan nicht mehr das Beheben einer Störung, sondern wie diese Diskrepanz vermindert werden kann [11]. Für die ICD-11 ist eine mindestens so fortschrittliche Betrachtung zu Transmenschen angekündigt.

Generelle Kritik an DSM und ICD

Es gibt Stimmen, die dafür plädieren dass sämtliche Paraphilien ersatzlos gestrichen werden. Dies wäre für den Ruf von BDSM’ler_innen sicherlich förderlich, aber tatsächlich unter ihren Paraphilien leidende Menschen wäre mangels medizinischer Grundlage schwieriger zu helfen. Da letzteres eines der Kernanliegen von DSM und ICD sind, ist eine solche Forderung aussichtslos.

Wie kam es zu diesen Veränderungen, und was sind die Auswirkungen?

Die spektakulärste Untersuchung zur menschlichen Sexualität jener Zeit war der erste Kinsey-Report von 1948: Darin wurde unter anderem Aufgezeigt, dass Devianz und Paraphilie bei 22% der (amerikanischen) Bevölkerung vorkommen, und wie weit verbreitet Bi- und Homosexualität tatsächlich ist. Diese Studie war dermassen kontrovers, dass Dr. Kinsey eine Zeit lang die zweitbekannteste Person der USA gewesen sein soll, geschlagen nur vom Präsidenten. Die Sexuelle Revolution der 60er-Jahre taten ihr übriges, dass sich die Forschung fortan objektiver mit dem Thema Sexualität befasste.

Dass Homosexualität in der DSM-III nicht mehr als Krankheit aufgelistet wurde, verdanken wir massivem Lobbying unter anderem von der “Gay Liberation Front”, welche an Tagungen der APA lautstark protestierten und auf Beachtung der neuen Forschungsresultate pochten.

Ein ähnlich grosser Einsatz war nötig, damit diverse Unterkategorien von BDSM nicht mehr pauschal als paraphile Störung abgestempelt werden. Ein spezieller Dank geht an Guy Baldwin [5] und Race Bannon [6], welche 1987 als Reaktion auf die DSM-III-R das erste “DSM-Project” starteten. Baldwin, selber schwuler Leatherman und Psychotherapeut, sah dass die Pathalogisierung von BDSM starke Auswirkungen auf die Gesetzgebung und Rechtssprechung hatte und somit zu massiver Diskriminierung führte.

Mit den Kontakten, welche die beiden bei ihrem Engagement knüpften, gründeten sie später die “Kink Aware Professionals”, ein Zusammenschluss von kink-friendly Fachpersonal unter anderem aus dem medizinischen Bereich.

An dieser Stelle etwas Werbung in eigener Sache: Die IG BDSM ist eine eigene Kink Aware Professionals Liste für die Schweiz am erstellen, welche sich hier findet.

Später wurde das DSM-Projekt von der “National Coalition of Sexual Freedom” (NCSF, gegründet 1997) unter der Leitung von Susan Wright [9] weitergeführt. Mit einer breit angelegten Kampagne wurden die oben genannten Verbesserungen in der DSM-V erreicht. Diese Kampagne beinhaltete unter anderem den direkten Kontakt mit verantwortlichen Personen aus der Arbeitsgruppe zum Kapitel Pharaphilie und das Aufzeigen der breiten Unterstützung der Forderungen unter Fachexperten. Darunter befanden sich auch Forscher_innen, die mit Publikationen in renommierten Wissenschaftsmagazinen den Diskurs signifikant beeinflussten.

Gemäss der NCSF werden als direkte Folge der Änderungen in der DSM-V massiv weniger Kinder der Obhut von BDSM-affinen Eltern entzogen, und die Anzahl der gemeldeten Diskriminierungsfälle fiel auf einen Bruchteil des Wertes vor der Veröffentlichung der DSM-V.

Schlussfolgerungen

An dieser Entwicklung lässt sich aufzeigen, wie wichtig wissenschaftliches und politisches Engagement der BDSM-Community im Allgemeinen und deren Exponenten im Speziellen sind. Unsere Szene hier hat viel von den Errungenschaften aus den USA profitiert, doch fehlt dadurch leider eine schlagkräftige Organisation zum Durchsetzen vor richtigen Veränderungen.

Es zeigt aber auch, dass gesellschaftlicher Wandel extrem träge ist und die Vorkämpfer für Veränderungen zum Besseren oft selber nicht mehr von ihren Errungenschaften profitieren können.

Quellen


[1]: https://www.psychiatry.org/psychiatrists/practice/dsm
[2]: http://www.who.int/health-topics/intern … f-diseases
[3]: https://ncsfreedom.org/key-programs/dsm … ogram-page
[4]: DSM V, Deutsche Ausgabe, Kapitel “Paraphile Störungen”, S. 941f
[5]: https://leatherhalloffame.com/inductees … uy-baldwin
[6]: http://bannon.com/bio/
[7]: https://www.theatlantic.com/health/arch … sm/384138/
[8]: http://www.fearlesspress.com/2013/07/26 … t-on-bdsm/
[9]: http://positivesexuality.org/sexposcon- … ight-ncsf/
[10]: DSM V, Englische Ausgabe, Kapitel “Paraphile Störungen”, S. 703
[11]: https://www.scientificamerican.com/arti … diagnosis/

Geschrieben von ralph_himself

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Wie BDSM unseren Alltag positiv beeinflusst

BDSM erfordert einiges an Wissen und Erfahrung, belohnt dafür aber nicht nur mit Spass, sondern auch mit vielen Fähigkeiten. Diese sind nicht auf BDSM beschränkt, sondern können in diversesten Lebenslagen eingesetzt werden, vom Umgang mit Mitmenschen bis hin zu besseren Entscheidungen im Berufsleben.

Mut für Neues

Der Einstieg in BDSM ist alles andere als einfach. Man hat gewisse Vorstellungen was auf einen warten könnte, aber es ist quasi ein Sprung ins kalte Wasser. Wer den Einstieg gewagt hat, weiss wie belohnend diese Entscheidung war, und ist eher bereit, in anderen Situationen den Schritt in eine unbekannte, aber hoffentlich strahlende Zukunft zu wagen.

Entdeckungs- und Experiementierfreude

BDSM ist eine riesige Insel voller Buchten, Wälder, Berge, Städte… Während die meisten Leute am liebsten das ganze Leben am gleichen Ort verbringen, wagen sich BDSM’ler in die weite Welt hinaus, denn hinter jeder Kurve lockt etwas bisher Unbekanntes. Besonders belohnend wird das Entdecken, wenn man nicht alleine unterwegs ist, sich an allen möglichen und unmöglichen Orten Inspiration holt und gemäss dem Motto “Irgendwann ist immer das erste Mal” neue Dinge auszuprobieren wagt. Sie haben auch gemerkt, dass “The Magic” wirklich ausserhalb der Komfortzone passiert, dass man manchmal Strapazen auf sich nehmen muss, aber dass sonst alles beim Alten bleibt und man im Alltagstrott versumpfen wird.

Die eigenen Grenzen kennen

BDSM ist so individuell wie die Menschen die es praktizieren. Niemand kann dir sagen, wie weit du dich getrauen wirst – das musst du für dich selber herausfinden. Da man für das Finden der eigenen Grenzen die Komfortzone verlassen muss, scheuen sich viele Menschen davor. Nicht so die BDSM’ler: Je besser man weiss wie weit man gehen kann, desto intensiver werden die Spiele und Begegnungen, ohne ein böses Erwachen danach.

Den (eigenen) Körper kennen

Viele Menschen wissen nicht, wie ihr eigener Körper in Extremsituationen reagiert. Schockstarre, Schwächeanfall, Orientierungslosigkeit? BDSM’ler haben schon Situationen erlebt, von denen andere Menschen nicht mal zu träumen wagen, und kennen dadurch den eigenen Körper in- und auswendig. Dies gibt ihnen in alltäglichen Krisensituationen den entscheidenden Vorteil, dass sie sich nicht erst finden oder fangen müssen, sondern sofort wissen wie sie mit der Situation umgehen können. Dies und ein gutes Verständnis von allgemeiner Anatomie kann in Notsituationen den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen.

Einfühlungsvermögen

Durch Szenen mit vielen Spielpartnern entsteht die Fähigkeit, diverseste Personen anhand von ihrer Körpersprache und ihrer Situation einzuschätzen. Was fühlt die Person, was denkt sie, was will sie? Essenzielle Fragen nicht nur während dem Spiel, sondern auch im Alltag.

Höheres Selbstwertgefühl

Wer schon mal eine 30 cm grössere und 40 kg schwerere Person gedomt hat, kennt das Gefühl der absoluten Unbesiegbarkeit garantiert. Man weiss, dass einem vielleicht nicht ganz alles auf Anhieb gelingen wird, aber dass man über sich hinauswachsen und zu unmöglich geglaubten Höchstleistungen finden kann. Diese “Can Do” Attitüde bringt BDSM’ler in jeder Situation weiter und strömt eine ansteckende Positivität aus, die andere grossartige Menschen anzieht und ihr Leben in allen Aspekten bereichert.

Die eigenen Wünsche formulieren

BDSM’ler lernen die eigenen Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen sehr akkurat zu formulieren, so dass Probleme in der Kommunikation von vornherein ausgeschlossen werden. Unklarheiten werden sofort erkannt und mit scharfen Rückfragen präzisiert. Diese verbale Präsenz verhindert nicht nur unangemessene Erwartungshaltungen auf der zwischenmenschlichen Ebene, sondern führt im Berufsalltag zu besseren Leistungen und zufriedeneren Kunden.
Offen mit anderen Menschen über die eigenen Gefühle zu reden erfordert viel Mut. Aber wer anderen seine intimsten Wünsche anvertrauen kann, lernt auch über die negativen Seiten des Lebens zu sprechen. Und in vielen persönlichen Krisen hilft es schon immens, wenn man Leute kennt welche einem einfach zuhören können.

Schlusswort

Viele Punkte davon sind für das Berufsleben derart wichtige Soft Skills, dass “BDSM” eigentlich auf den Lebenslauf gehörte. Nur schade, dass sich die allerwenigsten Arbeitgeber dessen bewusst sind. Wir behalten also alle diese Fertigkeiten für uns um das Maximum aus unserem eigenen Leben zu machen. Und wir Teilen sie mit allen, die bereit sind von uns zu lernen.

Geschrieben von ralph_himself

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Outing

Wenn man BDSM macht kommt man früher oder später an den Punkt wo man sich fragt, ob und wenn ja, vor wem man sich Outen soll. Diese Frage muss jede*r für sich selber beantworten. Trotzdem seien hier einige Überlegungen dazu zusammengefasst.

Eines ist jedoch vorweg zu nehmen, niemand hat das Recht, jemand anderen zu Outen! Dies ist ein absolutes No Go und ein unverantwortliches Eingreifen in die Privatsphäre. Wenn man also jemanden aus der Szene an einem anderen Ort trifft und der/diejenige Freunde dabei hat ist es nicht ratsam, über BDSM zu reden. Die Entscheidung, ungeoutet zu sein ist in jedem Fall zu respektieren.

Wenn man sich Outen will kann man sich folgende Fragen stellen:
Was bringt es mir mich zu outen? Man ist nicht mehr erpressbar, man kann offen über sein Wochenende / die Beziehung reden, man muss keine Spielsachen mehr verstecken.
Was sind die Nachteile? Berufliche oder private Folgen sind je nach Situation möglich.

Privat ist es meist einfacher, da gibt es Menschen die es interessant finden und andere, die nichts davon wissen wollen. Vielleicht ist sogar jemand dabei, der/die selber BDSM macht oder mal gemacht hat. Schwieriger ist es, wenn man in einer Vanilla-Beziehung lebt und der Partner / die Partnerin nichts davon wissen will. Dann muss man Lösungen finden. Diese können sehr unterschiedlich sein und eine Aufzählung würde den Rahmen dieses Blogeintrags sprengen.

Beruflich sieht die Situation etwas anders aus. Da kommt es fest darauf an, in welchem Beruf man arbeitet. So ist es bei den meisten handwerklichen, künstlerischen oder Büroberufen kein Problem, sobald es aber in den sozialen Bereich geht wird es schwieriger. Leider können viele Arbeitgeber und Mitarbeitende nicht zwischen Privat und Beruf unterscheiden und haben dann Angst, dass man mit so einer Neigung eher übergriffig wird. Dies kann man entkräften indem man offen darüber redet und Vorurteile auflöst. Unter Umständen kann es aber auch sehr anstrengend sein.

Zum Schluss noch einige Tipps, wie man es gut erklären kann.
Ein Satz, den man öfter hört ist “Aber das ist doch gefährlich”, nun, auch Kampfsport oder Klettern ist gefährlich. In diesen Hobbies wie auch im BDSM gibt es Sicherheitsmassnahmen die man einhält.
Dann kann man gerade wenn es um korrektes Verhalten gegnenüber Kunden / Klienten geht z.B. das Gegenüber (Chef, Mitarbeiter) darauf aufmerksam machen, dass viele Männer auf High Heels und Miniröcke stehen, deshalb aber nicht gleich jede Frau vögeln wollen die so angezogen ist.
Weitere Tipps findet ihr auch auf dieser Seite: http://www.sm-outing.de/_1.html

Nochmals, es ist ganz allein die eigene Entscheidung ob und bei wem man sich wie fest Outen will. Lasst euch zu nichts drängen und macht es so wie es für euch stimmt, denn ihr müsst mit den -guten und schlechten- Folgen leben.

Geschrieben von …13…

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Belästigung

Leider ist es immer wieder ein Thema. Vor allem weibliche Neueinsteiger, welche noch nicht genau wissen was sie wollen und von den vielen Möglichkeiten in der grossen Welt des BDSM etwas überfordert sind werden immer wieder Opfer von Belästigung. Natürlich können auch alteingesessene BDSMler*innen und Männer Opfer werden.

Definition:
Als Belästigung bezeichnet man im weitesten Sinne das nachhaltige Einwirken eines oder mehrerer Subjekte (z. B. einer Person) oder Objekte (einer Sache) auf ein oder mehrere Subjekte (z. B. der Zielperson), wobei es grundsätzlich entscheidend ist, dass es vom Opfer als beeinträchtigend oder schädigend wahrgenommen wird.

Ausgangslagen:

  • Person A schreibt/ spricht Person B an
  • Man tauscht sich schriftlich aus.
  • Man lernt sich kennen, trinkt z.B. einen Kaffee zusammen.
  • Man spielt ein oder zwei Mal miteinander um zu schauen ob es passt.
  • Man hat eine Affäre.
  • Man hat eine (Spiel- / Liebes-) Beziehung.

Entwicklung:
Eine Person will den ganzen Kontakt oder Teile davon wie z.B. das zusammen Spielen/ die Beziehung beenden.

Für die andere Person gibt es zwei Grundvarianten zu reagieren. Man kann es so akzeptieren und sich danach verhalten. In diesem Fall ist alles gut und es gäbe keinen Grund für diesen Beitrag.
Leider haben es aber wohl die meisten schon erlebt, dass diese Entscheidung nicht akzeptiert wird. Dann kann es von unangenehm bis zu ziemlich hässlich werden. Oft erkennt man dann das Gegenüber fast nicht mehr und fragt sich, wie man sich so in der Person täuschen konnte.
Zwar sehr mühsam aber noch harmlos ist es, wenn man ständig mit Nachrichten und Anrufen bombardiert wird. Im schlimmsten Fall kann es zu Stalking und/oder Rufmord kommen, vertrauliche Informationen und Bilder können verbreitet werden, Freunde, Bekannte, Familien oder sogar das Berufsumfeld können involviert werden. Eine Mailadresse ist schnell eingerichtet, ein Fakeprofil ebenfalls. Beides kann sowohl für eine erneute Kontaktaufnahme wie auch für Diffamierung benützt werden. Dagegen kann man fast nichts machen.

Einige Tipps sind aber hier zusammengestellt.

  • Mit jemandem darüber reden!
  • Eventuell eine Vermittlungsperson einschalten.
  • Auf sozialen Plattformen kann man Profile blockieren und dem Betreiber melden.
  • Auf die Privatsphäreneinstellungen achten und beim Hochladen von Bildern im Hinterkopf behalten, dass immer ein Screenshot gemacht und dieser nachher frei weiterverbreitet werden kann.
  • Rufnummer der Person für eingehende Anrufe / Mitteilungen sperren lassen wenn es schlimm ist.

Wenn es ganz schlimm ist und man sich bedroht fühlt die Polizei einschalten.

Es ist klar, obige Tipps sind eher für Härtefälle gedacht. Aber was tun, wenn jemand einfach ein Nein nicht akzeptiert und immer wieder fragt? Das wichtigste sind wohl klare Ansagen, es muss verständlich sein, ob gar kein Kontakt oder nur noch platonischer, kollegialer Kontakt bestehen soll. Wenn diese Botschaft nicht ankommt hilft vielleicht hilft ein Gespräch zu dritt. Man muss der Person klar machen, wie belastend die Situation ist.

Soviel zur allgemeinen Thematik. Konkret im BDSM können wir noch auf ein ziemlich gutes Netzwerk zurückgreifen. Wenn jemand immer wieder jemanden belästigt hat ist dies meist bekannt. Vor allem Neueinsteiger*innen sollten davon Gebrauch machen und sich möglichst schnell vernetzen (Stammtische etc.) Dies auch, weil der Grat zwischen DS und damit verbundener Kontrolle und einer destruktiven Kontrolle sehr schmal und schwer erkennbar sein kann. Ein Gespräch mit jemandem der die Dynamiken kennt kann sehr hilfreich sein.

Unsere Szene ist klein, dies hat sowohl Vor- wie auch Nachteile. Ein Vorteil ist sicher die schon genannte soziale Kontrolle. Ein Nachteil ist, dass man sich mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit wieder über den Weg läuft. Deshalb ein Gedankenanstoss zum Schluss: Wenn ihr einen Bewerber ablehnt oder euch aus einer Beziehung trennt werdet ihr euch wieder sehen also versucht das ganze so human und anständig wie möglich ablaufen zu lassen.
Als Opfer der Trennung oder abgewiesene Bewerber und allfällige Täter der Belästigung solltet ihr euch gut überlegen, wann eine Belästigung beginnt (sobald sich die andere Person belästigt fühlt!) und was für Auswirkungen das hat. Es kann sehr schnell passieren, dass ihr in der Szene zur Persona non Grata werdet wenn mehrere Personen sich von euch belästigt gefühlt haben.

Geschrieben von …13…

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Fetischpartys vs. SM-Partys

Bild & Seile: Ropunawa

… und wie man sich an diesen benimmt

Bei Fetischpartys geht es in erster Linie ums sehen und gesehen werden. Der Dresscode ist meist sehr strikt und muss eingehalten werden, sonst riskiert man, nicht reingelassen zu werden.
Dies sind grössere Partys mit vielen Teilnehmern. Es gibt Musik, wird getanzt und es gibt einen abgetrennten Bereich, in welchem man Sex haben kann. Softe Spiele sind eigentlich kein Problem, wenn man “richtig” zu Spielen beginnt ist es teilweise besser, wenn man die Umstehenden oder den Veranstalter/das Sicherheitspersonal zuerst informiert um Missverständnissen vorzubeugen. Dennoch muss man damit rechnen, dass die anderen Paryteilnehmer nicht den nötigen Abstand halten.
Die Eintrittspreise sind eher höher und die Getränke müssen zusätzlich gekauft werden. Es wird Alkohol konsumiert und auch andere Drogen sind nicht unüblich.
Man könnte also kurz zusammengefasst sagen, es ist eine etwas extravagantere und freizügigere Party als anderswo.

Im Gegensatz dazu geht es an einer SM-Party in erster Linie ums Spielen, der Dresscode sollte auch eingehalten werden, ist jedoch meist etwas offener, hier tut es auch “normale” elegante Kleider (Anzug, etc.).
Hierbei wird die Teilnehmerzahl oft Beschränkt so dass alle genug Platz zum Spielen haben. Musik ist zwar oft in gedämpfter Lautstärke vorhanden aber getanzt wird selten, übermässiger Alkoholkonsum ist nicht so gern gesehen. Auch andere Rauschmittel sind verpönt.
Die Preise varieren je nach Veranstalter, oft sind alkoholfreie Getränke und Snacks inbegriffen. Oft gibt es einen Loungebereich zum gemütlichen Beisammensein sowie Spielbereiche.
Wenn jemand am Spielen ist kann man mit genügend Abstand zuschauen. Aber nicht dreinreden und auch nicht in Hörweite das Spiel kommentieren oder über andere Dinge sprechen. Wenn einem das Spiel zu heftig wird, geht man in einen anderen Raum. In ein Spiel eingreifen ist grundsätzlich ein No-Go, einzige Ausnahme ist, wenn ein Bottom ein anerkanntes Saveword (z.B. Mayday) sagt und der Top nicht reagiert. Im Zweifelsfall lieber den Veranstalter dazuholen und ihn entscheiden lassen. Wenn ihr fragen zum Spiel habt könnt ihr diese anbringen, wenn das Spiel inklusive Aftercare vorbei sind.
Private Spielsachen von anderen werden in Ruhe gelassen, allgemein zur Verfügung stehende Dinge nach Benützung gereinigt und versorgt. Auch die Möbel sollten nach der Benützung desinfiziert werden. Desinfektionsmitte steht meist bereit.
Bottoms, welche alleine sind, sind kein Freiwild, fragen kann man aber ein Nein ist immer und bedingungslos zu akzeptieren. Wie überall im Leben kommt man auch hier mit Anstand und Freundlichkeit besser an als mit einem “Hallo Sklavin, knie dich vor mich hin”

Natürlich gibt es auch Mischformen dieser beiden Partys.

Geschrieben von …13…
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Neuling?

Waren wir doch alle mal…

Der Einstieg in die weite Welt des BDSM kann sehr verwirrend sein. Keine Sorge, Bedenken, Ängste und Unsicherheiten haben fast alle mal begleitet. Ein perfekter Dom oder ein perfekter Sub ist auch noch nie vom Himmel gefallen und deshalb empfehle ich einfach mal locker durch die Hose zu atmen. BDSM bedeutet zwar irgendwie anders zu sein und doch wird es je länger man es praktiziert, zur ganz persönlichen Normalität.

Aber erstmal von Anfang an. Im BDSM gibt es keine Richtlinien was Dom oder Sub zu tun hat, das hängt stark von der jeweiligen Neigung ab. Sehr wichtig ist es jedoch, dass alles einvernehmlich geschieht, ansonsten verliert man sehr schnell den Spass an der eigentlich schönsten Sache der Welt – und damit meine ich nicht Sex, sondern BDSM. BDSM in seiner reinen, facettenreichen Form.

Wichtig ist es, dass der Einstieg gut verläuft. Tja und wie steigt man richtig ein? Es gibt kein richtig oder falsch. Bisschen schnuppern kann man sicher ganz gut an einem Stammtisch. Dort lernt man die BDSMler als ganz normale Menschen kennen. Dort wird einem überhaupt mal bewusst, welche Bandbreite an Menschen an BDSM interessiert sind und es Praktizieren. Dann gibt es noch Foren wie unseres hier. Der grösste Vorteil an Foren ist bestimmt die Anonymität die zwar gegeben ist, man sich aber dennoch ungeniert austauschen kann. So kann auch mal die ein oder andere Frage, für die man sich vielleicht ein wenig schämt stellen und man bekommt seine Antworten. Des weiteren gibt es noch diverse Plattformen im Internet. Diese sind ideal um online erste Erfahrungen mit dem Spielen an sich zu machen. Meistens wird dann von online-Erziehung oder ähnlichem gesprochen. Diese Plattformen bergen jedoch auch Gefahren, denen man sich stets bewusst sein muss. Möchte man sich mit einer Person treffen, sind gewisse Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Im BDSM spricht man dabei vom sogenannten Covern.

Und dann wären da noch diese Fantasien, Hirngespinste oder ganz simpel, das Kopfkino. Diese können eine wilde Gefühlsachterbahn auslösen. Viele haben mit den Moralvorstellungen der Gesellschaft zu kämpfen „sowas macht man doch nicht“ oder „sowas ist doch krank“ sind oftmals Gedanken, die man in den meisten Fällen einfach mal beiseite räumen muss. Ja, im Grunde genommen schlägt oder demütigt man keine anderen Menschen. Im BDSM ist das jedoch nochmals etwas ganz anderes. Da alles im gegenseitigen Einverständnis passiert, kann man die Moral mal getrost unter den Teppich kehren und machen wozu man selbst und das Gegenüber Lust hat. Mit der Zeit weichen diese Bedenken der immer mehr aufblühenden Fantasie und es tun sich unglaubliche Dinge auf. Es ist etwas wundervolles, wenn man bemerkt dass der andere Part genau solche Freude und Leidenschaft für das Spiel und die Fantasien entwickelt, wie man selbst auch.

Geschrieben von Jade

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Das alternative Beziehungs-ABC

Was gibt es eigentlich so neben der klassischen monogamen Päärchenbeziehung? Eine Übersicht.:

Asexuelle Beziehung
Auch asexuelle Menschen gehen Beziehungen ein. Für manche ist sexueller Kontakt in dieser Beziehung keine Option – wohl aber romantische Aktivitäten wie kuscheln. Falls die andere Person nicht asexuell ist, ist eine offene Beziehung eine von vielen möglichen Lösungen. Andere Asexuelle wiederum lassen sich auf Sex ein, weil es für sie eine romantische Aktivität ist («kuscheln++»), oder der_m Partner_in zuliebe.

Beziehungsanarchie ist eine Variante der Polyamorie. Während bei der Polyamorie wichtig ist, dass mensch mit allen involvierten Personen offen kommuniziert, werden bei der Beziehungsanarchie die verschiedenen Beziehungen strikt getrennt, nach dem Motto «Was ich mit anderen Menschen mache, geht dich nichts an».

C

D/s-Beziehung
Dies ist eine Beziehungsform aus der BDSM-Welt. «D» steht für Dominanz, «s» für Submission (Unterwerfung). In dieser Beziehung hat die dominante Person jederzeit das Sagen. Varianten gibt es, ob das Machtgefälle dauernd besteht (24/7), oder nur zu bestimmten Zeiten oder an gewissen Orten (zum Beispiel in der eigenen Wohnung).

Einverständnis
Egal was ihr macht – redet vorher mit eure_r_n Partner_in_nen darüber, und entscheidet euch für eine Lösung, mit der alle involvierten Personen einverstanden sind. Falls jemensch übergangen wird, ist Drama garantiert!

Freund*_?!in
Bei Menschen, welche aus dem binären Männlich-weiblich-Schema fallen, stellt sich die Frage, als was mensch diese bezeichnen will/soll/kann/darf. «Partner» funktioniert auf Deutsch nicht so gut wie im Englischen, wo dieser Begriff geschlechtsneutral ist. «Lover» wäre eine von vielen Möglichkeiten, impliziert aber weniger Verbindlichkeit. Oder ihr entscheidet euch für ganz andere Bezeichnungen wie Zuckerschnäuzli oder Nestwärmerchen =)

Gegenseitigkeit
In nicht-monogamen Beziehungen werden nicht immer beide involvierten Menschen von den vereinbarten Freiheiten im gleichen Ausmass Gebrauch machen. Dies kann so weit gehen, dass die eine Person rein monogam lebt. Ein gutes Beispiel dafür ist eine Beziehung zwischen zwei Personen mit sehr unterschiedlicher sexueller Aktivität: Die eine Person bekommt in der Beziehung alle ihre Bedürfnisse erfüllt, während die andere mehr Abwechslung braucht.

Hauptbeziehung
In offenen (und auch vielen polyamoren) Beziehungen kann es Hierarchien zwischen den Beziehungen geben; oft gibt es eine Hauptbeziehung. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn diese zwei Personen im gleichen Haushalt leben, verheiratet sind, sogar gemeinsame Kinder haben – während die andere(n) Beziehung(en) weniger langfristig, oberflächlicher oder auch einfach geografisch weiter entfernt sind.

I

J

Kommunikation
Die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Erwartungen kommunizieren zu können ist ein absolut zentrales Element von allen Beziehungen. Mit mehreren Partner_innen steigt auch der Kommunikationsaufwand! Gute Kommunikation kann gelernt werden: Hängt der Haussegen wegen schlechter Kommunikation schief, dann versucht herauszufinden, was ihr daran verbessern könnt.

L

Monogamie
Solche Auflistungen erwecken oft den Eindruck, dass Monogamie veraltet und uncool ist. Dies ist natürlich nicht der Fall; genauso wie eine Hetero-Beziehung nicht uncooler ist als eine Queere. Dass Monogamiesie für viele Leute aber die unpassende Beziehungsform ist, das zeigen Statistiken zu Seitensprüngen immer wieder eindrücklich.

N

Offene Beziehung
Die offene Beziehung ist die wohl verbreitetste Variante nach der Monogamie. Eine Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen wird dabei für (mehr oder weniger regelmässige) sexuelle Abenteuer mit anderen Leuten geöffnet. Ob über die Erlebnisse ausserhalb der Beziehung gesprochen wird oder nicht, solltet ihr vorher abmachen.

Polyamorie
Während in einer offenen Beziehung eine Liebesbeziehung mit mehreren Sexpartner_innen kombiniert wird, gibt es in der Polyamorie mehrere neben- und/oder miteinander existierende Liebesbeziehungen. Die Beziehungen können räumlich und zeitlich getrennt gelebt werden, zum Beispiel heute mit Partner A, morgen mit Partnerin B. Es gibt aber auch Poly-Gruppen, welche zusammen wohnen und alle mit allen irgendwie verbandelt sind.

Queer
Nicht-monogame Beziehungen sind nicht per se etwas Queeres, die Überschneidung der queeren Subkultur mit alternativen Beziehungsformen ist aber sehr gross. Dies ist auch bei anderen Subkulturen der Fall, welche klassisch kirchliche Wert- und Moralvorstellungen über den Haufen werfen, zum Beispiel in der BDSM-Szene.

R

Swingen ist eine rein sexuelle Form nicht-monogamer Lebensweise. An Swinger-Partys (entweder in privatem Rahmen oder in Swingerclubs) haben Swinger_innen Sex mit – je nach dem ganz vielen – anderen Swingenden. Die meisten kommerziellen Swingerclubs richten sich an ein heterosexuelles Publikum , und haben oft eine gegenderte Preispolitik: viel günstiger für Frauen, teurer für Männer.

Terminkalender
Mit steigender Anzahl involvierter Leute steigt auch der Koordinationsbedarf. Online-Tools wie Google Calendar oder ein Gruppenchat auf Whatsapp können super Hilfsmittel sein.

U

Vertrauen
Ja, auch in einer offenen Beziehung kann mensch den_die Partner_in betrügen; zum Beispiel wenn eine Affäre entgegen der Abmachung nicht kommuniziert wird. Besonders wichtig ist, dass ihr eurem_r_n Partner_inn_en vertrauen könnt, dass sie sich an eure Abmachungen bezüglich Safer Sex halten.

Weitere Informationen
Dies ist nur ein kurzer Anriss von einigen Möglichkeiten. Falls dich etwas davon angesprochen hat: Im Internet findet sich zu allem weitere Informationen. Zu jeder Beziehungsform gibt es Foren und Blogs, wo Leute über ihre Erfahrungen damit berichten. Du hast lieber Papier? Das Buch «The Ethical Slut» von Dossie Easton und Janet W. Hardy gilt als Standartwerk zum Thema nicht-monogame Beziehungen.

X

Y

Ziel
Der Weg zum Ziel der für dich perfekten Beziehungsform kann sehr lang sein. Manchmal ein Leben lang. Bis dorthin kannst du viele tolle Menschen kennenlernen, dich in einige davon verlieben, mit jedem davon etwas besser machen als früher, und du wirst trotzdem immer wieder auf die Nase fallen. Niemensch kann dir sagen, wo genau du hin willst, aber einige andere Menschen sind auf dem Weg in die gleiche Richtung. Macht zusammen den Weg zum Ziel, lernt voneinander und aus jedem neuen Erlebnis, und vor allem: Habt Spass dabei!

Geschrieben von ralph_himself

Auch veröffentlicht im Milchbüechli, Ausgabe #16 (Juni ’16)

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