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Der Hanky Code

Ein kleiner Exkurs darüber, wie in lang vergangenen Zeiten kreativ Kinks kommuniziert wurden.

 

Ein kleiner Exkurs darüber, wie in lang vergangenen Zeiten kreativ Kinks kommuniziert wurden.

Gleich vorweg, den Hanky Code, den gibt es nicht, sondern es gibt die Hanky Codes. Plural. Abgesehen von ein paar Grundfarben war das von Ort zu Ort verschieden. Aber eins nach dem anderen.

Dating ist hart. Erst recht, wenn man kinky ist. Erst recht, wenn man Lust auf eine bestimmte Session hat, und nicht auf mehr. Und jetzt stellt das Euch mal vor in den Zeiten vor dem Internet. Exploding Head Emoji. Wie so vieles in unserer BDSM-Kultur, gibt es auch dafür eine Erfindung, die in der amerikanischen Gay Leather Kultur gründet. Das sogenannte Flagging.

Ich selbst habe nicht in den Zeiten und den Orten gelebt, um aus eigener Erfahrung darüber zu sprechen. In Büchern, Online-Foren, Magazinen aus alten Zeiten bin ich immer wieder darauf gestossen und gebe damit das Folgende entsprechend absolut nur aus «zweiter» Hand weiter, und kann lediglich eine breite Recherche, aber kein persönliches Wissen dazu vorweisen. Bekannte Bücher, in denen der Hankycode vorkommt (und die ich sowieso empfehlen kann) sind bspw. Larry Townsend’s legendäres The Leatherman’s Handbook, Bean’s Leathersex oder Harrington’s Playing Well With Others.

Bald steht das Jubiläum der IG BDSM an. Und in diesem Rahmen sind geschichtliche Themen sowieso schon mal was thematisch Passendes – und oben drauf ist letzthin in einer Besprechung für das Jubiläum eine moderne Form des Flaggings aufgepoppt und ich dachte, das ist doch eine Prachtsgelegenheit mal darüber in einem Blog zu schreiben.

Also, Flagging. Die genaue Herkunft lässt sich nicht fixieren. Es gibt da verschiedene Menschen, die behaupten, dass sie es erfunden hätten. Jedenfalls ist die Zeit die frühen Siebziger und der Ort die amerikanische Westküste. Bars und Klubs und Dungeons für Leathermen tauchen überall auf. Die in Grossstädten halbwegs liberale Haltung lässt diese Klubs immerhin vorläufig florieren. AIDS hat die Leathermenszene noch nicht getroffen und für diejenigen, die den Hang haben sich Dinge aus längst vergangenen Zeiten etwas geschönt vorzustellen, klingt das nach einem Goldenen Zeitalter. Zu dieser Zeit also kam das Flagging auf. Der Zweck davon: In Bars und Klubs möglichst schnell herausfiltern können, wer zu einem passen würde für eine bestimmte Aktivität. Das Mittel dazu: Farbige Halstücher. Sogenannte Bandanas, ungefähr das, was wir als Glarner-Tüechli bezeichnen. Und so funktionierts: Wer als Top an einer Aktivität Interesse hat, lässt das farbige Halstuch aus seiner linken Hintern-Hosentasche raushängen. Wer als Bottom an einer Aktivität Interesse hat, aus seiner rechten. Die Farbe ist der Indikator, um was für einen Kink es geht, und das links/rechts ob Top oder Bottom.

Ein paar Farben wie Rot, Schwarz, Gelb, Dunkelblau waren gemäss den Zeitzeugnissen sehr verbreitet. Darüber hinaus aber haben Erotikläden wie auch Bars nicht nur die verschiedenfarbigen Tücher verkauft, sondern eine Übersicht was für was steht gleich noch mitgeliefert. So war das von Bar zu Bar oder mindestens von Szene zu Szene ungefähr einheitlich und übersichtlich, und damit die Kommunikation über die Vorlieben halbwegs funktionstüchtig. Wer gerade auf Verschiedenes Lust hatte, hat sich entsprechend mehrere Bandanas in die Hinterntasche geschoben.

Damals wie heute hat eine Vorliebe natürlich weder bedeutet, dass man das mit jeder beliebigen Person machen wollen würde, noch hat es die Kommunikation darüber, was man denn eigentlich genau will, ersetzt. Alleine schon deswegen, weil das Licht ja dann an solchen Orten nicht immer so grell war, dass man die Farben problemlos hätte unterscheiden können.

Und heute? Manchmal sieht man an Umzügen noch Bandanas in Gesässtaschen. Manchmal findet man an Partys farbige Armbänder mit einer dazugehörigen Übersetzung. Was den meisten schon aufgefallen sein dürfte beim Durchstöbern von Läden oder Onlinestores mit Fetischkleidung ist, dass vermehrt Kleidungsstücke mit gut sichtbaren farbigen Streifen verkauft werden. Das ist eine Fortführung der Farb-Code-Tradition des Flaggings, aber deswegen darf man nicht darauf schliessen, dass die Tragende Person damit auch tatsächlich flaggen will. Vielleicht hat dieser Mensch ja keinen Schimmer wofür die Farben stehen.

Bevor ich den Hanky-Code aufliste, noch ein Hinweis. Da das aus der Leathermen Szene kommt, sind einige Farben auch nur auf Männer die mit Männern spielen ausgerichtet. Das hat sich dann wenige Jahre darauf schon verändert, als auch Leatherwomen sich dem Hankycode bedient haben, und für hetero- oder bisexuelle Menschen braucht es dann halt noch ein bisschen mehr Kreativität in der Umsetzung.

Das hier ist mal der fast überall gleichbleibende Grundcode:

Links getragen

Top

Rechts getragen

Bottom

Schwarz

Hartes SM

Rot

Fisting

Gelb

Piss-Play

Dunkles Blau

Anal Sex

Grau

Bondage



Und das jetzt eine endlose Liste an Varianten davon, die aus verschiedenen alten Listen stammt. Wie oben beschrieben, falls ihr Euch je an einem Ort mit Hanky-Code befindet, dann werdet ihr dort auch eine Liste finden, welche Farbe für was an diesem Ort steht. Was jetzt kommt ist nahe an dem Buch von Townsend, aber nicht allgemein gültig:

Schwarz/Grau gestreift

Leichtes SM

Graues Flanell

Anzüge

Weiss

Handjobs

Helles Blau

Oral

Blau/Weiss gestreift

Seemänner

Blaugrün

CBT

Rosa

Dildo

Dunkles Pink

Brüste foltern

Magenta

Achselhöhlen

Violet

Piercing

Lavendel

Drag

Fuchsia

Spanking

Rost

Cowboys/Cowgirls

Dunkelrot

Blood Play

Weiss/Rot gestreift

Shaving

Rot/Weiss kariert (Vichy)

Sex im Park

Union Jack

Skinhead

Aschgrau

Latex

Senfgelb

Grösser als 20cm

Gold

Dreier

Orange

Alles

Aprikose

Grosse Körper

Koralle

Zehen

Hellgelb

Spucke

Jagdgrün

Daddy/Boy

Olivgrün

Military

Türkis

Mommy/Girl

Hellgrün/Dunkelgrün gestreift

Sugardaddy

Braun

Scat

Braun Kord

Professor*in/Student*in

Beige

Rimming

Minzgrün

Ageplay

Weisse Spitzen

Viktorianische Szenen





Flaggen

Da wir uns im Pride-Monat befinden, ist das ein guter Zeitpunkt, um über unsere Flaggen zu sprechen und einen kleinen Überblick zu geben.

Vielleicht zuerst mal die Frage: Warum überhaupt Flaggen? In einem Umzug ist Vielleicht zuerst mal die Frage: Warum überhaupt Flaggen? In einem Umzug ist es natürlich einfacher, Menschen mit denselben Neigungen zu finden, wenn sie mit einer Flagge marschieren. Vor allem aber bedienen wir uns mit so sichtbaren Symbolen wie Flaggen einer Sprache, die wir aus anderen Bereichen mit Flaggen kennen wie Nationen oder Vereinen: Zugehörigkeit und Stolz. Als marginalisierte Gruppen die Narrative von Verdrängung und Verfolgung umzudrehen, in ein sichtbares, lautes, buntes Strassenfest gehört zu den grössten Taten der Selbstermächtigung, die ich mir vorstellen kann.

In diesem Blog möchte ich weder thematisieren, woher die Pride kommt noch auf die elende Diskussion eingehen, ob Kinksters an die Pride gehören oder nicht, sondern lediglich ein paar verbreitete Flaggen auflisten. Für die ersten paar gebe ich noch eine Beschreibung, woher sie kommen und was sie symbolisieren, und liste danach nur noch auf. Diese Liste ist natürlich nicht abschliessend, aber ich hoffe, dass sie als ein kleiner Guide für Kink-Flaggen nützlich ist.

Zuerst drei wichtige Pride-Flaggen, die nichts mit Kink zu tun haben.

Die originale Gay Pride Flag

Diese hat Gilbert Baker 1978 designt. Pink steht in dieser ursprünglichen Regenbogenflagge für Sex, Rot für Leben, Orange für Heilung, Gelb für die Sonne, Grün für die Natur, Türkis für Kunst, Indigo für Harmonie und Violett für die Seele.

Gay Pride Flag 1979

Da Türkis und Pink damals für Massenproduktion nicht erschwinglich war, wurden diese beide Farben rausgenommen und die noch heute verbreitete Flagge ist entstanden.

Transgender Pride

Monica Helms hat diese 1999 designt. Die Flagge steht für Diversität und spielt farblich mit den klassischen «Baby»-Farben für Mädchen und Jungs.

Leather Pride Flag

An der Mr. Leather 1989 wurde diese von Tony DeBlase gestaltete Flagge zum ersten Mal gezeigt. Die Farben haben absichtlich keine Bedeutung gemäss DeBlase. Von Anfang an war es die Absicht, diese Flagge für alle Leder-Menschen zu benutzen. Und so wie sich die Bedeutung von «Leder» verändert hat, wird diese Flagge heute allgemein als BDSM Flagge gelesen. Vergessen wir aber nicht die Herkunft, die in der Gay Leather Kultur Amerikas liegt.

BDSM Rights Flag

Der britische Verein «Informed Consent» hat diese Flagge vor etwas mehr als zehn Jahren in Umlauf gebracht mit der Absicht, gegen Diskriminierung von Kinksters aufgrund ihrer Neigung einzustehen.

Master/slave Pride Flag

2005 hat «Master Talon» diese Flagge an der Master/slave conference vorgestellt. Der vertikale Streifen steht für Dominanz und die drei hotizontalen für Unterwerfung.

Ownership Pride

Diese Flagge symbolisiert mit der gut sichtbaren Unterscheidung von schwarzen und weissen Streifen die Unterschiede zwischen «Besitzenden» und deren «Eigentum», und sind auch ein Verweis auf Gefangenschafts-Rollenspiele. Der weisse Kreis in der Mitte symbolisiert leicht erkennbar den O-Ring. «Tanos» hat diese Flagge gestaltet und 2006 in den Umlauf gebracht.

Leather Girl Pride Flag

Sheryl Dee hat diese Flagge 2003 vorgestellt. Das Schwarz steht für Leder und Beständigkeit, Pink für das Weibliche und Weiss für Reinheit und Unschuld.

Boi/Boy Pride Flag

Boy keith hat diese Flagge 1999 präsentiert und sie steht für alle Bois/Boys die in Lederbeziehungen zu ihren Daddies stehen.

Bear Brotherhood Flag

Mit «Bears» werden meist haarige, grosse Männer beschrieben. Diese ist eine von mehreren Flaggen für diese Community und wurde 1995 Craig Byrnes vorgestellt.

Age Play Fetish

Mako Allen hat diese Flagge in den frühen Neunzigern lanciert. Das Herz in der Mitte verweist auf die Leather Pride ebenso wie auch die Liebe, die dem Age Play entgegen gebracht wird.

Rubber Pride Flag

Peter Tolos und Scott Moats haben diese Flagge 1994 designt und repräsentieren damit alles, was mit der Freude an Latex, Lack und Gummi Materialien zu tun hat.

Bootblack Pride

Bootblacking ist ein Kink, der nicht mehr so bekannt ist. Es geht dabei tatsächlich um das Schuhe putzen und ist sehr tief in der Geschichte des BDSM seit dem 2. Weltkrieg verankert. Jesse «Spanky» Penley hat diese Flagge 2005 präsentiert.

Uniform Fetish Flag

Eine Flagge, deren Designer*in unbekannt ist. Nichtsdestotrotz ist diese Flagge online wie auch an Prides den Uniform-Kinksters bekannt.

Pony Pride

«Mystic Storm» hat diese Flagge 2007 präsentiert und sie steht für alle, die Pony Play lieben.

Feeder Fetish

Die farblich an die Fürst-Pückler-Eisschnitte angelehnte Farbgebung der Feeder Pride Flagge, stammt von «The Cosmopolitan».

Gasmask Fetish

Diese Flagge wurde von «GasMask» designt vor etwas mehr als zehn Jahren.

Goth Sexuality Pride

Der Brite Erik Dunesque hat diese Flagge 1990 in Umlauf gebracht und repräsentiert damit die Kinksters, die besonders am Goth Lifestyle Freude haben.

Puppy / Dog Play (eine von vielen)

Es gibt erstaunlich viele Puppy Play Flaggen. Diese ist mir persönlich am häufigsten begegnet, und gleichzeitig diejenige, zu der ich keinen Ursprung herausfinden konnte.

Switch Pride

2009 tauchte diese Flagge auf und bedient sich ebenfalls den Farben der klassischen Leather Pride Flag.

Skinhead Pride

Die Belgier SkinDavid und Shadowskin haben diese Flagge 2006 vorgestellt. Sie repräsentiert die Gay Skinhead Pride, eine Bewegung, die nichts zu tun hat mit der Verbindung von Skinheads und Neonazis und auch um einiges älter ist.

Armpit Fetish

Keine Ahnung woher und wann diese Flagge stammt, aber für die Liebhaber*innen von  Achseln die Pride Flagge to go.

Fisting Fetish

Auch bei dieser Flagge ist mir der Ursprung nicht bekannt, ich habe sie aber schon auf Bildern von Umzügen vor zwanzig Jahren gesehen.

Foot Fetish

Uboa hat diese Flagge in ungewöhnlichem Format designt, mit zehn Sternen für zehn Zehen.

Freak Pride

Die Flagge der Freaks, Body Modification, Tattoo und Piercing Fans stammt von Mitchel McAllister von 2004.

Watersport Pride

Auch zu der Piss Play Flagge gibt es keine Informationen zu Herkunft oder Bedeutung. Das Gelb des Dreiecks aber denke ich ist selbsterklärend.

Eine kleine Problemgeschichte mit den Wörtern Kink und Fetisch

Mit diesem sehr von meiner eigenen Meinung geprägten Blog, will ich die klassischen Definitionen der Wörter Kink und Fetisch hinterfragen.

Die geläufige Unterscheidung von Kink und Fetisch geht so: Kink beschreibt irgendeine sexuelle Praktik, die nicht der angenommenen gesellschaftlichen Norm oder Erwartung entspricht – wie zum Beispiel Shibari. Fetisch meint die sexuelle Erregung durch ein Objekt oder ein Körperteil, das nicht geläufig als sexy angeschaut wird – wie zum Beispiel Blumentöpfe oder Ellbogen. Hinzu kommt, dass Fetischismus lange als Krankheit angeschaut wurde. In dem bis vor kurzen gültigen Standardwerk für psychische Krankheiten1 steht, dass dann eine Störung vorliegt, «wenn der Fetisch die wichtigste Quelle sexueller Erregung darstellt oder für die sexuelle Befriedigung unerlässlich ist.» Sprich, ohne den Blumentopf oder den Ellbogen läuft nichts. Die Neuauflage dieses Standardwerks hat das dann glücklicherweise 2022 abgeschafft – zusammen mit Sadomasochismus als psychischer Störung.

Dem Thema will ich mich nähern zuerst mit einem Blick darauf, woher die Wörter eigentlich kommen, dann wie sie im Alltag verwendet werden und zuletzt, was den Unterschied von Kink und Fetisch eigentlich ausmacht.

Mit dem Wort «Kink» haben wir einen englischen Begriff, der eigentlich eine Unebenheit, eine Schwachstelle, eine Macke beschreibt. «It still has a few kinks» würde man sagen, wenn man ein selbstfahrendes Auto entwickelt, dass zwar meistens ziemlich gut fährt, aber ab und zu noch in Blumentöpfe knallt. Ursprünglich kommt es aus der holländischen Seefahrt, die das Wort aus dem Altisländischen «kikna» geborgt hat, und als kinky wurden verdrehte Seile bezeichnet – was alle Seilbegeisterte jetzt sicher schaurig lustig finden. In unserem bekannten Sinne tauchte Kink im 20. Jahrhundert in der Literatur auf, entsprechend kann man davon ausgehen, dass es wohl bereits im 19ten auf Sex bezogen wurde.

Die lateinischen Wortwurzeln von «Fetisch» bezeichnen einfach etwas Menschengemachtes. Das hat sich im Mittelalter dann verändert zu etwas, dem magische Kräfte inhärent sind. Mit der Kolonialisierung wurde Fetischismus zu einem objektbezogenen Aberglauben umdefiniert, und zwar abwertend gemeint. In ihrer sehr von sich selbst ausgehenden, und dadurch beschränkten Sicht auf die Dinge, haben Europäer beobachtet wie Menschen auf anderen Kontinenten ein Talisman, einen Baum, ein Tier angebetet, ihm magische Kräfte zugeschrieben haben und das dann Fetisch genannt. 1897 dann wurde das Wort zum ersten Mal im sexuellen Sinne in der Literatur belegt. Um die Zeit herum waren die frühen Psychiatrien gross im Kommen. Eine bekannte «Fetischisten Zählung» in einer Psychiatrie ergab 48 Patienten mit dieser Diagnose, 47 davon männlich, 122 verschiedene Fetische wurden notiert und nur 17 Patienten gaben an, lediglich einen Fetisch zu haben, die anderen zwei bis neun.2

Soviel mal zu den Hintergründen dieser beiden Begriffe. Wie werden sie im Alltag eingesetzt?

Toll am Wort «kinky» ist, dass es sich zu einem empowernden Begriff verwandelt hat. Wir bezeichnen uns gerne und mit stolz als Perverse oder als Kinksters. Zudem ist die Aussage «oh, das ist ja so kinky» eher positiv konnotiert. Am Kopf kratzen lässt mich da die Abgrenzung zu Vanilla. Obwohl es manchmal ganz gesund ist, eine Abgrenzung zu machen, frage ich mich dann doch: Ja was ist denn eigentlich rein vanilla. Je nach Kontext ist schon Doggystyle Sex ausserhalb der «Norm», und umgekehrt kann die Missionarsstellung höllisch kinky sein. Durch 50 Shades und Pornografie hat sich Haare reissen, mal mit Handschellen spielen oder Spanking anscheinend im «normalen» Sexleben sehr verbreitet. Darum kann ich mehr damit anfangen, «kinky» als eine stolze Selbstidentifikation zu verstehen, als eine trennscharfe Abgrenzung von ungewöhnlicher zu gewöhnlicher Sexualität. Dieses Referenzieren auf eine Norm riecht nach Fiktion und ist in Realität von Mensch zu Mensch anders. So kann jemand Seile super kinky finden, aber an den Haaren reissen beim Sex total normal, und umgekehrt. Klar, in der Kommunikation ist das praktisch «kinky» im Sinne von «nicht vanilla» zu benutzen – aber das hat wohl nur Gültigkeit für die Person, die das zu dem Zeitpunkt und in dem Kontext so ausspricht.

Ein kurzer Einschub: Wenn wir über Fetisch reden, möchte ich irgendwelche psychische Störungen aussen vor lassen. Eine psychische Störung liegt gemäss dem ICD-11 dann vor, wenn eine zwanghafte Fixierung den Betroffenen im Alltag Leid und Hindernisse bringt. Egal ob sich das auf ein Objekt, eine Handlung oder auch Sex im Allgemein bezieht. Dieser Zwang hat mit Fetisch nichts weiter zu tun und es ist ein grosser Fortschritt, dass das auch die zeitgenössische Psychiatrie in ihrem neuen Standardwerk, dem ICD-113, anerkannt hat.

Im alltäglichen Sprachgebrauch ist es gängig, Fetisch auf Objekte und Materialien oder unerwartete Körperteile zu beziehen. Man sagt, jemand habe einen Fussfetisch, aber nicht einen Fusskink. Jemand in Latex gehüllt, wird rasch als Fetischist*in gelesen, jemand mit einem Flogger in der Hand aber eher als kinky – und jemand der jemanden auf den Hintern schaut als normal. In allen Fällen reden wir aber von etwas, das anturnt – sei es die Tätigkeit des Floggens, die Materialität des Latex oder die Form des Hinterns. Es scheint mir eine sehr begrenzte Sicht auf Sexualität zu sein, wenn man Erregung durch Objekte oder durch “nicht als gemeinhin sexy angeschaute” Körperteile als was besonderes einrahmen will. Schliesst man damit nicht einfach von sich auf andere?

Mal auf die Körperteile bezogen: Ist der gesellschaftliche Konsens, dass ein Hintern anturnend ist, nicht etwas willkürlich? Diese biologistischen Thesen, dass die Grösse der primären und sekundären Geschlechtsorgane Menschen rein biologisch anturnen, weil es Indizien für eine gute Fortpflanzung sind, sind schon längst über Bord geworfen – Sexualität ist viel komplexer. Zudem sind in anderen Kulturen und zu anderen Zeiten Haare, Arme, Knöchel oder Waden das “Ding” und nicht Hintern. Können Hände, ein Blick, ein Geruch, ein Geräusch nicht genauso anturnend sein? Und ist es nicht ganz offensichtlich für jeden Menschen anders und die Konstruktion einer «Norm» etwas holprig?

Und wenn wir es auf Objekte, Materialien, Texturen und Farben beziehen, komme ich auch nicht wirklich weiter. Mir fehlt die Begründung, warum Latex als Fetisch gelten soll, ein Spitzen-BH aber nicht. Intuitiv ist der Unterschied offensichtlich, aber beim darüber nachdenken verflüchtigt sich das rasch.

Oft geht man auch davon aus, dass der Fetisch eine unausweichliche Macht über den Menschen hat. Es wird so geredet, als ob der Fetisch für eine Fetischistin etwa so ist, wie Sonnenlicht für einen Vampir: Wenn das Fetisch-Objekt in der Nähe ist, muss die Fetischistin zwangsläufig jedes mal zuckend zusammenbrechen und vor Lust zergehen. Kann natürlich, muss aber nicht. Als ob Hetero-Frauen von jedem beliebigen Männerpopo hilflos angeturnt wären.

Eine weitere Vorstellung ist, dass ein Fetisch immer singulär ist und unabdingbar für Sex. Er hat einen Fussfetisch, ergo läuft nichts ohne Füsse. Die meisten Fetischist*innen, die sich als solche bezeichnen, stehen auf mehr als nur eine Sache und viele geniessen ihre Sexualität auch ohne dieses eine magische Etwas.

Was macht den Unterschied zu Kink jetzt wirklich aus? Dass sich Fetisch auf ein Objekt bezieht? Und Kink auf Handlungen? Viel Spass, wenn jemand mit dieser Annahme mit uns Fetischist*innen diskutieren will. Wie unerwartet und mächtig erregend eine ansonsten nicht sexuell aufgeladene Situation, Ort, Handlung, Berührung, Sprache sein kann, haben vermutlich fast alle schon mal erlebt. Davon jetzt Objekte, Texturen, Farben, Materialien oder bestimmte Körperteile ausschliessen und eine separate Kategorie dafür machen? Scheint das nicht etwas willkürlich zu sein? Oder soll es die Dringlichkeit sein? In Abgrenzung zum Wort Fetisch wird es sehr schwammig, wenn wir über Vorlieben und Turn-Ons reden und einander fragen «Was hast du denn für Kinks». Es scheint, als ob auf der Dringlichkeitsskala eine Vorliebe höher steht, wenn sie als Fetisch und nicht als Kink bezeichnet wird. Aber stimmt das wirklich? Gibt es nicht Menschen, die ohne eine Machtdynamik nicht viel mit Sex anfangen können und die werden dann trotzdem nicht als Fetischist*innen bezeichnet, obwohl das Thema Machtdynamik eine hohe Dringlichkeit hat? Ist so jemand weniger gestört als jemand, der tolle Schuhe oder einen knackigen Hintern braucht zum Spass haben?

Zusammengefasst: Dass Fetisch sich abgrenzt, indem es auf Materialien oder unerwartete Körperteile bezogen wird, scheint mir nicht standzuhalten. Dass Fetisch eine grössere Dringlichkeit hat als ein Kink, ebenso wenig. Dass Fetisch die “eine Sache ist” ohne die nichts geht, kann sein, muss aber nicht und passiert umgekehrt auch bei Dingen, die nicht als Fetisch bezeichnet werden. Was in all diesen Versuchen einer Definition und Abgrenzung aber auffällt, ist dass beim Wort “Fetisch” immer wieder der unbegründete Beigeschmack von was “Abnormalem” mitspielt. Fetisch auf Sexualität bezogen ist eine Erfindung der frühen Psychiatrie. Das kommt aus dem Ende des 19. Jahrhunderts und hat in der heutigen Praxis und Lehre der Psychiatrie keine Relevanz mehr. Nichtsdestotrotz kommt genau aus diesen längst überholten Werken der gängige Sprachgebrauch, der Fetisch als etwas übermächtiges und abnormales verstehen will. In diesen alten Werken wurde auch davon geredet, dass Fetischist*innen nicht fähig sind, ihre Sexualität “normal” zu leben oder auch nicht in der Lage sind zu lieben, weil die Objektfixierung ihnen im Weg stünde. Das sind Sätze, in denen sich Fetischist*innen nicht wiederfinden. Die Konsequenz aus diesem stigmatisierenden Sprachgebrauch ist, dass es einem den Alltag manchmal ganz schön schwer machen kann. Es ist für viele schwieriger, einem neuen Gegenüber den Satz zu sagen “Ich habe einen XYZ-Fetisch”, als zu sagen “ich stehe auf XYZ.” Es kann einem schwer fallen, einer Ärzt*in gegenüber von einem Fetisch zu reden, aus Angst, als krank abgestempelt zu werden und dann vielleicht gar nicht die Behandlung zu kriegen, die man eigentlich bräuchte. Mir drängt sich daraus der Verdacht auf, dass nicht ein Fetisch problematisch ist, sondern der althergebrachte Sprachgebrauch der damit verknüpft ist.

Gleichzeitig wird im Alltag etwas anderes als nicht «besonders» angeschaut, was aber recht problematisch ist: Die Fetischisierung ohne Konsens. Ohne Zustimmung sein Gegenüber aufgrund von irgendeinem Merkmal zu fetischisieren, sei es Haut- oder Haarfarbe, Grösse, Geschlecht, Erfahrung, Alter, Herkunft oder anderes, birgt ein sehr zerstörerischen Potential in sich, wenn das Gegenüber dem weder zustimmt noch Freude daran hat, auf ein Merkmal reduziert zu werden – sei es generell oder für eine Session.4 Egal, ob das Statement “ich stehe auf dich, weil ich stehe nur auf asiatische Frauen” als Fetisch verstanden wird oder nicht.

Die Sprache über BDSM war lange Zeit von der frühen und leider sehr fehleranfälligen Psychiatrie geprägt und diese Auswirkungen spüren wir bis heute, allzu oft an eine anerzogene moralische Wertung geknüpft. Da sehe ich den eigentlichen Unterschied von Kink und Fetisch – der eine Begriff schleppt eine Geschichte der Pathologisierung mit sich, der andere nicht. Wenn wir diesen ganzen alten Psychiatrie-Zopf zum Thema aber abschneiden, bleibt nur Tolles übrig: Nämlich dass wir unsere Lust kennen und kommunizieren können und uns mit dem Begriff Fetisch abfeiern.

Eine empfehlenswerte Masterarbeit, die einen ähnlichen Aspekt des Themas angeht, findet ihr bei Interesse hier: https://www.academia.edu/39632983/Fetish_Identity_A_Collaborative_Auto_phenomenographic_Approach_to_Reframe_Sexual_Fetishism



1ICD-10 F65.0

2https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/6860882/

3https://icd.who.int/browse11/l-m/en#/http://id.who.int/icd/entity/2055403635

4https://www.dropbox.com/s/n5df3h6g0qacho1/Erickson%2C%20Slayton%2C%20Petersen%2C%20Hyams%2C%20Howard%2C%20Sharp%2C%20%26%20Sagarin%20%282021%20OnlineFirst%29.pdf?dl=0

Safeword und Safesign

Seit jeher benutzen Kinksters Safewörter. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir das tun, und die weite Verbreitung dieser Praktik, die auch fast allen Vanilla-Menschen bekannt ist, ist ein sehr gutes Zeichen, wie gesund unsere Community sein kann. Mit Safewort bezeichnen wir einen Begriff, der, wenn er während dem Spiel vom aktiven oder passiven Part ausgesprochen wird, das Spiel abbricht. Um uns dem Thema zu nähern, will ich zuerst mal ein paar verbreitete Praktiken beschreiben.

«Mayday» ist als Safewort international an den meisten Playpartys verbreitet und als solches auch oft ausgewiesen in den Einladungen. Der Gedanke dahinter ist einfach: Wenn an einer Party Leute miteinander spielen, vielleicht auch nicht in einem Darkroom sondern in einem für alle sichtbaren und hörbaren Raum, kennt ja niemand deren Safeword, falls es ausgesprochen werden würde. Oder sie haben auch gar keines extra abgemacht. Wenn dann ein Wort verwendet wird, das alle kennen, können andere je nachdem auch helfen in einer Notsituation, oder wissen zumindest, dass das Spiel abgebrochen wird und die Spielenden zur Aftercare übergehen.

Ebenfalls sehr verbreitet ist das Ampelsystem. Das Wort «Rot» ist dabei das Safewort, dass das Spiel abbricht. Mit «Gelb» können die Spielenden einander einfach und effizient kommunizieren, dass sie sich eine andere Richtung im Spiel wünschen. Wenn beispielsweise eine Impactsession stattfindet und der Sub «Gelb» sagt, wird es vielleicht gerade zu intensiv oder zu repetitiv oder die Fixierung drückt etc., aber der Sub will das Spiel nicht beenden deswegen. «Grün» meint dabei, dass alles okay ist. Vielleicht will der aktive Part die Situation explizit abchecken, weil der passive Part schwer zu lesen ist und fragt «Alles grün?» oder «Farbe?» oder «Ampel?».

Da wir ja oft im Spiel schwer reden können, weil da ein Knebel, ein Seil, ein Gag oder ein Schwanz die Sprache verhindert, oder Wörter formulieren schwer fällt weil man mental gerade in anderen Sphären unterwegs ist, ist das spielen mit Safesigns oft ganz praktisch. Das wäre dann entsprechend ein non-verbales Zeichen, dass als Safeword gilt. Verbreitet ist zum Beispiel dem passiven Part etwas in die Hand zu geben, das fallen gelassen werden soll, wenn es zuviel ist. Oder, und das erfordert etwas mehr zweiseitige Kommunikation, dass der aktive Teil dem passiven die Hand drückt, und wenn zweimal oder dreimal zurückgedrückt wird, ist alles in Ordnung – wenn nicht oder nur einmal, stimmt gerade etwas nicht. Eine weitere Variante ist, dass der oder die Sub dreifach stöhnt, klatscht, grunzt, quietscht, kneift, stampft oder ähnliches. Die Rhythmik von dreimal nacheinander ist zu absichtlich, als dass es in der allgemeinen Geräuschkulisse nicht auffallen würde.

Und dann gibt es die persönlichen Safewörter. Das ist gerade in sich entwickelnden Spielbeziehungen ein schöner Akt, gemeinsam abzumachen, was das gemeinsame Safeword sein soll. Genauso kann man für sich selbst etwas überlegen, das man in einem Spielsetting dem Gegenüber kommuniziert. Auch wenn wir in der deutschen Sprache die grossartige Möglichkeit haben, eine nahezu endlose Kette an Nomen aneinanderzureihen, ist es vielleicht von Vorteil, wenn euer Safewort etwas kürzer als «Hausverwaltungsmitgliederversammlungseinladung» ist, aber hey, was auch immer ihr gut findet.

Falls nichts anderes miteinander ausgemacht wurde, also falls nicht explizit über Safewörter vor dem spielen geredet wird, ist «Mayday», «Rot» oder auch einfach «Aufhören» und «Stop» immer gültig.

Jetzt gehen wir die Sache noch etwas tiefer an:

Warum soll «Nein» oder «Stop» nicht einfach immer genug sein? Wir verhandeln und sprechen vor dem Spiel über Grenzen, damit wir uns während dem Spiel der Illusion der absoluten Macht und bedingungslosen Unterwerfung hingeben können. Deswegen ist es ein kluger Mechanismus, sich mit einem «spielfremden» Wort aus dem Spiel zu lösen. Hinzu kommt, dass es schaurig schön und befreiend sein kann, in einem Spiel zu betteln und zu flehen und «Nein» und «Hör auf» sagen zu können, ohne dass das Spiel dadurch abgebrochen wird. Sowas ist natürlich im Voraus abgemacht und die Spielenden kennen ihre Safewörter. Ein weiterer guter Grund kann sein, dass der aktive Teil seinem Gegenüber Auflagen gibt, wie der passive Part überhaupt kommunizieren darf. Wenn dann ein Moment der Überforderung passiert, und es nicht möglich ist die korrekte Formulierung für einen Richtungswechsel sich zusammenzustückeln, kann ein Safeword ein sicherer und effizienter Ausweg sein.

Es gibt auch Hemmungen, ein Safeword zu benutzen. Wenn zwei oder mehr miteinander spielen, wollen natürlich alle, dass auch die anderen dabei Spass haben. Ein Safeword auszusprechen und damit das Spiel zu beenden, kann bei manchen eine gewisse Hemmung aufbauen das zu tun aus Angst, das Gegenüber zu enttäuschen oder weil man sich ein falsches schlechtes Gewissen macht. Ich würde dazu die gegenteilige Perspektive einnehmen: Wenn sich jemand beim spielen nicht mehr OK fühlt, und das den anderen vorenthält, ist das viel belastender, als das Spiel abzubrechen und vielleicht später nochmals zu starten oder ein anderes Mal. Egal was für eine Praktik du machst, du darfst alles zu jedem Zeitpunkt abbrechen.

Wenn ein Safeword ausgesprochen wird, bedeutet das erstmal für den aktiven Part aufzuhören mit was auch immer man gerade dran ist. Falls der Bottom irgendwie festgemacht ist, die Bondage lösen und in aller Ruhe fragen, was nicht gut ist. Da wir uns beim Spielen teilweise mental in anderen Sphären bewegen, kann es dem Bottom unter Umständen schwer fallen zu artikulieren. Wenn der Bottom nicht gerade kommunizieren kann, was nicht mehr gut ist, darf man dem auch Raum geben als Top und muss nicht nachbohren. Erstmal dafür sorgen, dass die Toys aus dem Weg geräumt werden und der Bottom warm und zu trinken hat. Wenn körperlich nichts akut versorgt werden muss, kann später oder auch erst ein paar Tage drauf in Ruhe darüber geredet werden. Oder wenn es weder emotional noch körperlich eine grosse Sache war, habt ihr vielleicht auch am selben Abend wieder Lust nochmals anzufangen. Das alle Beteiligten so wieder auf den Boden zurückkommen, wie sie es brauchen, ist erstmal wichtiger, als die Session akribisch zu sezieren.

Jetzt habe ich ein Beispiel beschrieben, wie der passive Part safeworded. Mit ordentlich Nachdruck und Fanfaren und Leuchtstift möchte ich betonen, dass genauso der aktive Part sich in einer Situation wiederfinden kann, wo sie oder er safeworden möchte. Auch für Tops können Sessions an einen Punkt kommen, wo gestoppt werden muss. Da kann die wundervolle Konvention ein Safewort zu sagen oft einfacher sein, als “ähm, du hör mal, sorry, ich glaub ich kann nicht mehr.”, wenn man körperlich, emotional oder psychisch merkt, dass sich das spielen jetzt grade nicht mehr gut anfühlt.

Wenn ich schon bei Fanfaren und Leuchtstift und Nachdruck bin, gleich noch was: Es ist gängige und wichtige Praktik, ein Safeword nie zu hinterfragen. Das wäre ein massiver Vertrauensbruch. Ein Safeword muss nie begründet werden – egal ob es von der aktiven oder passiven Seite ausgesprochen wird, egal zu welchem Zeitpunkt, egal aus welchem Grund.

«Kumquat Beyoncé Bundesrat Kaulquappe Pandabär» … wenn das jemand von sich gibt beim spielen, ist es übrigens recht wahrscheinlich, dass das Safeword einfach vergessen ging.

Der Vorstand stellt sich vor – Thomas

Die IG BDSM hat mein Leben nachhaltig verändert. Anfang 2014 habe ich mich im Forum registriert, es folgte – und dauert noch immer an – eine sehr spannende Zeit voller wundervoller Erfahrungen, in welcher ich mehrere Herzens-menschen kennenlernen durfte. Mit einigen dieser Menschen bin ich dann irgendwie im Vorstand der IG BDSM gelandet und geblieben.

Ich bin allen Personen, die mich bei meinen ersten Schritten unterstützt, begleitet und gefordert haben unendlich dankbar, und dieses Geschenk gebe ich auch gerne an andere weiter. Es bereitet mir grossen Spass Menschen zu helfen ihre Berührungsängste zum Thema BDSM zu überwinden. Genauso gerne unterstütze oder vernetze ich Menschen mit Ideen und Motivation etwas aufzubauen.

Ich könnte euch nun erzählen, dass ich es liebe sowohl in, als auch an den Seilen zu sein. Dass ich akzeptieren konnte, masochistische und sadistische Züge zu haben. Doch ich schreibe euch lieber von etwas, dass euch alle auch betrifft.

Als Simona von ihrem Rückzug aus dem Vorstand erzählte, und sich heraus-kristallisierte, dass ich nach ihr der logischste Nachfolger als Präsident des Vereins bin… Da hatte ich eine Scheissangst!

Ich hatte eine Scheissangst, der letzte Präsident eines langsam vor sich hinsiechenden Vereins zu werden, euch und meinen Vorgängern in keinster Weise gerecht zu werden. Derjenige, der es durch Passivität schafft, diese wundervolle und dramalose Konstanz zu brechen. Ich bin kein Macher. Aber ich kann die inspirierten Menschen um mich unterstützen, wie ich es bisher gemacht habe.

Simona bleibt uns aber erhalten, und wir haben neue motivierte Kandidaten für den Vorstand. Ich habe engagierte, wundervolle Menschen um mich, denen ich helfen kann diesen Verein weiterhin zu etwas Einzigartigem und Hilfreichen zu machen, für euch und die BDSM Szene der Schweiz. Ich danke jedem und freue mich auf das was kommt.

Der Vorstand stellt sich vor – Simona

Ich bin nun seit 2014 IG-Mitglied und auch schon länger im Vorstand aktiv. Nachdem ich letztes Jahr angekündigt habe, mich aus dem Vorstand zurückzuziehen bleibe ich euch doch noch etwas erhalten, allerdings mit etwas weniger Auf-gaben als bisher.

Beim BDSM setzte ich ganz klar den Fokus auf Qualität statt Quantität. Ein Spiel braucht das richtige Gegenüber, den richtigen Raum und genügend Zeit, um gut zu sein. Wenn dies alles stimmt, kann ich in verschiedenen Rollen sehr weit gehen. Wenn ein Faktor nicht stimmt, lasse ich es lieber und warte auf eine bessere Gelegenheit.

Ich bin vor allem sadomasochistisch, liebe aber Reaktionen im Allgemeinen und lasse mich auch gerne Fesseln. Je nach gegenüber kann ich auch einer D/S-Dynamik etwas abgewinnen.

Ich bin Beziehnungsanarchistin, polyamourös und pansexuell, lebe in einem wunder-baren Beziehungsgeflecht und geniesse dies sehr. Sexualität kann, muss aber nicht in meinem BDSM mitspielen, ob sie es tut, kommt immer auf das Spiel und das Gegenüber an.

Ausserhalb von BDSM bin ich Schneiderin und geniesse es in der Freizeit sehr ein gutes Buch zu lesen, meinen Garten zu pflegen und interessante Gespräche zu führen. Mit Small-Talk kann ich hingegen nichts anfangen und langweile mich auch schnell dabei. Ich geniesse es, mit Menschen, die mir wichtig sind zusammen zu sein, ziehe dabei aber ein gemütliches Grillieren im Garten einer lauten Party vor. Ebenso pflege ich lieber einige wenige gute Freundschaften -bei denen man sich auch mal eine gewisse Zeit aus den Augen verlieren kann, ohne dass es das Verständnis füreinander schmälert- als viele Kollegen und Bekannte zu haben.

Der Vorstand stellt sich vor – Totoro

Totoro ist ein mystisches Wesen unbekannten Alters, manche schätzen ihn auf Mitte Dreissig, andere mehrere Millionen Jahre alt; manche behaupten er lebe in Zürich, andere verorten in auf unbenannten Inseln Japans. Gespickt mit Widersprüchen lebt er als fordernder Dom und genauso als fürsorglicher Daddy. Er ernährt sich ausschliesslich von den Energien seines glücklichen Subs. Seile, Impact, Protokoll – das alles sind verschiedene Wege für ihn, um eine tiefe und intime Verbindung mit seinem Sub wachsen zu lassen. Dabei geht für ihn BDSM aber weit über Sexualität hinaus und ist ein grosser Teil seines Lebens in der 24/7 Beziehung die er führt.

BDSM ist Teil seiner Identität seit seinen frühesten sexuellen Erinnerungen und Neugierden. Mit unersättlicher Gier auf Lernen verschlingt er seit jeher Workshops, Gespräche und Bücher, entdeckt immer wieder Kinks von denen er dachte, dass die gar nix für ihn seien, und gibt sein Wissen und seine Erfahrungen auch gerne an andere weiter. Der Fokus liegt dabei auf D/s-Dynamiken, von hochstrukturiertem Protokoll bis hin zu wildem Primal/Prey Spiel und allem dazwischen. Eine kleine ritualisierte Geste ist für ihn genauso mächtig wie schiere, physische Dominanz.

Grosse Freude hat Totoro vor allem an Kommunikation. Sei es der stundenlange Austausch über Freuden, Neugierden und heimliche Phantasien oder ein kurzer wortloser Blick des Vertrauens. BDSM ist für ihn Kommunikation auf allen Ebenen, Punkte die sich verknüpfen und verweben.

Woher kommt die Motivation und die Lust sich im Vorstand der IG einzubringen? Totoro ist an einem Punkt in seinem Leben, wo er einfach glücklich ist. Er hat über ein Jahrzehnt lang von der Arbeit anderer aus der Szene profitiert, kluge Texte lesen, an tollen Workshops Neues entdecken und von erfahreneren Kinkster*innen lernen dürfen. Da wo Totoro heute steht, hat er grosse Lust darauf, der Szene was zurückzugeben.

Was Totoro lachen macht: Regen, wachsende Pflanzen, schnurrende Katzen, der Geruch von Kaffee, frische Wäsche und seine Finger über sonnengewärmtes Holz gleiten zu lassen.

Ein Blick durch die Augen von Totoro auf seine Welt würde ungefähr folgenden Zeilen von E.E. Cummings entsprechen:

nothing which we are to perceive in this world equals
the power of your intense fragility: whose texture
compels me with the color of its countries,
rendering death and forever with each breathing

(i do not know what it is about you that closes
and opens; only something in me understands
the voice of your eyes is deeper than all roses)
nobody, not even the rain, has such small hands

Der Vorstand stellt sich vor – Kage Nawa (Fai)

Ich bin Fai, auch bekannt als Kage_Nawa, (er/ihm). Als ich vor gut 10 Jahren BDSM kennenlernte war für mich alles neu, jedoch wusste ich schon früh, dass das Seil mich fasziniert. Wirklich zum Ausleben kam ich aber erst vor 4 Jahren. Ich habe mich seit dann aktiv in der Szene eigebracht und bin Gründungs-mitglied des Jugendstammtisches in Basel, welchen wir in einem kleinen Team seit 2019 erfolgreich führen.

Über den Jugendstammi und Kater, den ich seit längerem zu meiner gewählten Familie zähle, habe ich auch den Zugang zur IG gefunden und mich dieses Jahr entschieden, mich aktiver einzubringen um mehr für die Szene zu machen. Ich bin ein Verfechter davon, dass Kink nicht nur eine sexuelle Vorliebe ist, sondern auch sexuelle Identität sein kann und stehe daher dafür ein, dass BDSM in der Öffentlichkeit mehr Anerkennung findet. Deswegen nutze ich jede Möglichkeit, die sich mir bietet, vor Menschen darüber zu reden, sei es im kleinen Kreis oder bei Podcasts.

Mit meinen bald Dreissig Jahren habe ich vor allem Erfahrung mit der japanischen Fesselkunst und besuche regelmässig das Tying with Friends. Mein BDSM lebe ich primär auf der aktiven Seite. Im Moment bin ich mich selber in meiner beiläufigen Dominanz (casual dominance) am Finden, um meinen Reaktionsfetischismus zu befriedigen. Da interessiere ich mich für Mindgames, D/s, Impact-, Predicament-, Hypnose- und Breath-play und alles was sich mir sonst so Spannendes bietet. Ich bilde mich stets mit einschlägiger Fachliteratur weiter und versuche, sofern es die Zeit zulässt, Workshops zu besuchen. Ebenso habe ich im 2021 erste Erfahrungen im Unterrichten und Halten von Shibari Workshops sammeln dürfen und werde dies in Zusammenarbeit mit der IG in verschiedenen Bereichen ausbauen.

Die falschen Normen

Wer seine Reise in die grosse, weite Welt der Perversionen beginnt, googelt sich wohl auch die Finger wund zu allem Möglichen. Dabei passiert manchmal etwas Seltsames: Obwohl du weisst, dass du weit ausserhalb der «Norm» bist mit deinen Freuden, kommen ganz neue Normen auf Dich zu. Mit diesem Blog will ich versuchen, ein paar davon ein wenig einzuordnen.

«Es gibt klare Identifikationen und du musst dich genau daran halten»: Also es gibt grundsätzlich Dom und Sub, oder Switch. Und dann Master und Slave, und das ist anders weil soundso. Und dann Mommy und Boy. Und dann Primal und Prey. Und dann Hinz und Kunz. Und dann weissichnichtwasalles. All diese Töpfchen, diese Labels, sind historisch gewachsen. Sie sind super praktisch, um mit anderen Kinksters zu kommunizieren, haben in sehr spezifischen Kontexten auch ganz scharfe Abgrenzungen und Bedingungen, und sind aber für deine Lust und dein Spiel nur so relevant, wie du es willst und sie dich empowern. Wenn es ein schönes, lustvolles Gefühl auslöst, dich in einem Begriff sehr wiederzufinden – toll! Wenn damit aber dann Sätze aufkommen wie «ja also ein richtiger Sub ist ja soundso definiert», dann darf das herzhaft hinterfragt und ausgelacht werden. Es gibt weder die BDSM-Polizei noch das BDSM-Gesetzbuch. Was es gibt, ist deine Lust und die darf auch kommuniziert werden mit «Mich turnt das mega an, wenn du mich Herrin nennst» oder «Admiralin» oder «Schwester» oder «Seegurke». Entsprechend auch im Umkehrschluss davon auszugehen, dass jemand soundso ist, wenn er sich im perversen Alltagsgespräch als «Master» bezeichnet, haut nicht so hin. Klar hat dieser Mensch vermutlich Freude daran, Top zu sein, aber er hat ziemlich sicher keinen Masterabschluss von der Schweinereienuniversität und ist deswegen in diesen und jenen Spielformen phänomenal gut. Die Internettests, die dir eine Liste generieren zu wieviel Prozent du welches Label bist, können hilfreich sein zu deiner Lust überhaupt den verbreiteten Namen zu finden, aber die geben dich weder adäquat wieder, noch sollen dir die Bereiche, wo du nicht so hoch abgeschnitten hast, verschlossen bleiben.

Was eigentlich dahinter steckt: Diese Labels helfen in der Kommunikation und können sehr wirkungsvoll sein im finden deiner Kink-Identität. Sie bringen aber weder einen Pflichtenkatalog mit sich, noch sind sie in Stein gemeisselt. Entdecke die «Labels», die dir zusagen, und auch wenn sie nur halb zusagen, bist du trotzdem willkommen dort.

«Achtung! Nein! Vorsicht! Das darfst du nicht!»: Sobald man über BDSM mehr erfährt, hört man auch bei nahezu allen Praktiken von Sicherheitshinweisen. Und das ist auch gut so. Es macht Spass und Sinn, zu wissen was man tut. Skeptisches Denken, Empathie und Kommunikation reichen da schon sehr weit. Spannend wird es beim Erlebnis von «oh, das hab ich nicht gewusst». Was wär das schon für eine Freude, wenn was schief läuft und man hat keine Ahnung was tun? Das soll kein Hemmnis fürs Spiel sein und schon gar kein Verbot, sondern vielmehr im Gegenteil eine Lust: Wir können hemmungslos dieses Spiel machen, eben weil wir ungefähr wissen, was im Worst-Case zu tun wär, und weil wir wissen was Spass macht und welche Sachen eine nicht so prächtige Idee sein könnten.

Was eigentlich dahinter steckt: Diese Sicherheitshinweise wollen eine Einladung sein, mehr zu entdecken, und keine verschlossene Türe. Weil unsere Spielarten auch Risiken mit sich bringen, tut das gut, sich darüber zu informieren.

«Wer super erfahren ist, ist super cool und super begehrt!»: Alle fangen irgendwo mal an. Es ist natürlich eine schöne Sache, den Menschen zuzuhören, von denen man etwas lernen kann, aber das sind meistens nicht die, die dir in den ersten paar Sätzen ganz dringend erzählen wollen, was sie schon alles gemacht haben. Besonders wenn dir jemand in den Onlinewelten ein Gefühl der vermeintlichen Unterlegenheit aufdrücken will durch grosse Selbstlobhudelei, steckt da kaum mehr dahinter als Unsicherheit. Du musst nicht erfahren sein, um BDSM zu machen. Du darfst kommunizieren, worauf du Lust hast, was du entdecken und erleben willst. Und wenn es etwas gibt, was dich interessiert und du nicht so recht weisst «wie», dann findest du sicher den passenden Workshop auf der IG Seite gelistet oder schreib uns an, und wir helfen dir jemanden zu finden, der/die es dir zeigen kann.

Was eigentlich dahinter steckt: Wenn man mit jemandem spielen will, ist es gut voneinander zu erfragen, wo ungefähr die Erfahrungen liegen, um aufeinander eingehen zu können, um im Sinne von RACK (Risk Aware Consensual Kink) zu spielen, um gemeinsam auch das zu tun, worauf beide Lust haben. Leute, die sich dabei dann schaurig aufplustern, werdet ihr leicht durchschauen. Keinesfalls müsst ihr irgendjemandem etwas vormachen, um «begehrt» zu sein.

«Du darfst nur dann BDSM machen, wenn du in Lack und Leder gehüllt bist!»: Viele von uns stehen da sehr drauf, mit der Geschichte des Kink hat es erst recht viel zu tun und aus der Popkultur ist das nicht mehr wegzudenken. Aber falls du weder mit Leder noch mit Latex was anfangen kannst, heisst das nicht, dass du nicht «dazu gehörst». Für die einen ist es was, für die anderen nicht. Wenn bei einer Einladung zu einer Playparty steht, dass Fetischkleidung erwünscht ist, heisst das nicht, dass das auf Latex und Leder reduziert ist. Die Idee dahinter ist, dass es wunderschön sein kann, sich in einem solchen Setting extra herausgeputzt herumzubewegen. Aber alle Veranstalter*innen wissen, dass das auch eine Geld- und Lustfrage ist und wollen dich vielmehr dazu einladen, dich so zu zeigen, wie du dich sexy fühlst, als dass das ein Gatekeeper-Gedanke ist im Sinne von «wenn du das nicht magst, hau ab.» Falls da Unsicherheiten sind, darfst du die Veranstalter*innen auch kontaktieren, und nachfragen, ob dein Nicht-Lack-oder-Leder-Outfit okay ist.

Was eigentlich dahinter steckt: Leder und Latex sind ein wichtiger Teil unserer Subkultur, aber keineswegs eine Bedingung dafür darin stattfinden zu dürfen.

Kurzum: BDSM ist wie ein Süssigkeitenwarenladen und du darfst dir alles nehmen, das dir gefällt. Die einzige Norm bei uns ist, dass wir im Sinne von RACK miteinander spielen und Respekt vor der Privatsphäre aller Beteiligten haben.

 

SSC und RACK und PRICK

Kink kann manchmal ganz schön nerdig sein. Und wenn du dich der philosophischen Streitfrage stellst, ob SSC oder RACK oder PRICK richtig ist, dann bist du jedenfalls hier richtig.

Kink kann manchmal ganz schön nerdig sein. Und wenn du dich der philosophischen Streitfrage stellst, ob SSC oder RACK oder PRICK richtig ist, dann bist du jedenfalls hier richtig.

Die Abkürzung SSC steht für «safe, sane und consensual», also «sicher, gesund und einvernehmlich». RACK steht für «risk aware consensual kink», also «riskiobewusstem einvernehmlichen Kink». Und zu guter Letzt PRICK steht für «personal responsibility, informed consensual kink», das übersetz ich mal mit «eigenverantwortlichem, informierten und einvernehmlichen Kink».

Mit dem Aufkommen von SSC in der Kinkszene, hat man gegenüber der Welt kommuniziert, dass wir in einer sicheren, nicht idiotischen und einvernehmlichen Art und Weise miteinander spielen. Da der Blick von aussen auf unsere Szene halt meistens einer ist, der uns als krank, psycho und daneben abstempelt, bringt die Abkürzung SSC die Diskussion entwaffnend auf eine andere Ebene. Toll daran ist, dass diese Abkürzung per se schon Gespräche starten kann und wir alle uns damit auch selbst reflektieren, wie wir die Themen Sicherheit und Konsens praktizieren. Etwas illusorisch ist die Annahme, dass Kinksters vor dem heilsamen Einführen des Begriffs SSC in wilder nicht-einvernehmlicher Manier die tödlichsten Praktiken miteinander ausgelebt hätten. Hüpf-Flogging auf ungesicherten Drahtseilen über der Viamala Schlucht oder so.

Und woher kommt das eigentlich? Die Amis haben 1908 angefangen im Voraus zu ihrem Nationalfeiertag mit dem Slogan «Have a safe and sane Fourth of July» auf die Gefahren von Feuerwerk hinzuweisen. Das hat wohl immer wieder zu Feuerwerks-Unfällen geführt rund um den Feiertag. Die Interessensgemeinschaft New York Gay Male S/M Activists, kurz GMSMA, hat in ihrem Leitbild zum ersten Mal safe, sane and consensual 1983 verwendet. Gemäss den Erzählungen der Gründer sind sie auf diesen Spruch gekommen, weil sie mit dem safe and sane Slogan aufgewachsen sind und der so einfach zu erinnern war. Sie wollten mit dem SSC Begriff einen Gegenentwurf machen zur gesellschaftlichen Pathologisierung von SM. Ebenso hat auch der New Yorker Hellfire Club wenige Jahre davor safe and sane verwendet in ihrem Leitbild. Die Sache wurde dann aber 1987 und 1993 gross, als bei zwei Leder-Paraden in Washington SSC auf grosse Banner gedruckt wurde und sich der Begriff von dort aus in die ganze Welt katapultiert hat.

Der Unterschied den RACK dann glücklicherweise zieht, ist es zu sagen: «Hey Leute, das ist doch gelogen unsere Art von Sex als sicher anschreiben zu wollen. Nichts im Leben ist sicher.» Natürlich wollen wir alle, dass nichts schief läuft beim Spielen. Aber wenn wir konsequent nur «safe» spielen wollten, bleibt vernünftigerweise fast nichts übrig – und damit ist nicht nur Nadeln, Peitschen und Würgen gemeint, sondern genauso Bondage und D/s Spiele. Darum dieser Gegenvorschlag, der nicht das Wort «sicher» betonen will, sondern das Risikobewusstsein. Risikobewusst heisst, man kennt die Risiken und weiss, wie man sie minimieren kann oder in einem Worst-Case damit umgeht. Fairerweise muss ich anfügen, dass damals mit dem ersten S in SSC auch Safersex in Bezug auf Geschlechtskrankheiten angesprochen werden wollte, und das zweite S, das «sane», sich eher mit dem Risikobewusstsein auseinandersetzt. Aber die Annahme, dass Leute, die SSC machen, lediglich in Bubblewrap verpackt einander Komplimente zu flüstern, ist falsch.

RACK entstand bei der TES1. Die einflussreiche amerikanische BDSM Gemeinschaft The Eulenspiegel Society (TES), hat in einem Onlineforum 1999 diskutiert, mit was man SSC ersetzen könnte, wegen der oben beschriebenen Einwände. Zudem wollten sie mit dem K für Kink auch klar machen, worum es dabei geht. Auch wenn wir so tun, als ob diese Philosophien einander entgegen stünden, der RACK «Erfinder» Gary Switch selbst meinte, dass die absolut kompatibel seien und kein Akronym Kommunikation ersetzen kann. Weil die TES damals mit Magazinen, Newslettern und Onlineforen sehr präsent war, hat sich dann das RACK per Internet ratzfatz in alle Communitys verbreitet.

Jede neue Generation soll, darf und muss sich neu erfinden, und so hat sich von den Akronymen der neuen Generation PRICK am stärksten durchgesetzt. Mit der Betonung auf der persönlichen Verantwortung und dem Informiert-Sein, wird der Unterschied zu RACK dahingehend gezogen, dass es eine ungute Sache sein kann, wenn zwei zu einem Spiel «ja» sagen, aber nur ein Part abschätzen kann, was das eigentlich bedeutet. Gerade wenn die Spielenden unterschiedliche Erfahrung haben in einem bestimmten Spielbereich, fehlt es dem weniger erfahrenen Teil an der Grundlage, eigenverantwortlich zu handeln. Auch da kann man mit philosophischem Spass dann leicht dagegen argumentieren, dass wenn ein Konsens nicht ein informierter Konsens ist, gar kein Konsens ist. Wie auch die Tatsache, dass wenn man was zum ersten Mal macht, wohl gar nicht so genau abschätzen kann, was da alles auf einen zukommt. Obendrauf kommt, dass wir das ja auch geniessen, in einer Session Verantwortung abzugeben. Nichtsdestotrotz ist diese Betonung der Eigenverantwortung etwas weiter gefasst natürlich genau richtig für unsere Perversionen. Aber dann davon ausgehen, dass Leute die nach Schema RACK spielen, keine Eigenverantwortung übernehmen, sondern vor ihrer unabsichtlichen Bondage Session einfach die Dumm-Gelaufen-Versicherung bei der internationalen BDSM-Risiko-Anstalt erneuern, ist nur ein Gerücht.

Warum ich diese Abkürzungen trotzdem liebe? Weil wir damit reflektieren und auch kommunizieren können, dass wir mit unseren Perversionen umzugehen wissen; weil es ein Gegenentwurf ist zum gesellschaftlichen «das ist ja verantwortungslos und gefährlich was du da machst»; weil wir den Guinessbucheintrag wollen für die Subkultur mit den meisten Abkürzungen.

Was auch immer euch davon am meisten zusagt – das Internet hat euch noch massig mehr dazu zu erzählen.

1 https://fetlife.com/users/53355/posts/25734