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Safeword und Safesign

Seit jeher benutzen Kinksters Safewörter. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir das tun, und die weite Verbreitung dieser Praktik, die auch fast allen Vanilla-Menschen bekannt ist, ist ein sehr gutes Zeichen, wie gesund unsere Community sein kann. Mit Safewort bezeichnen wir einen Begriff, der, wenn er während dem Spiel vom aktiven oder passiven Part ausgesprochen wird, das Spiel abbricht. Um uns dem Thema zu nähern, will ich zuerst mal ein paar verbreitete Praktiken beschreiben.

«Mayday» ist als Safewort international an den meisten Playpartys verbreitet und als solches auch oft ausgewiesen in den Einladungen. Der Gedanke dahinter ist einfach: Wenn an einer Party Leute miteinander spielen, vielleicht auch nicht in einem Darkroom sondern in einem für alle sichtbaren und hörbaren Raum, kennt ja niemand deren Safeword, falls es ausgesprochen werden würde. Oder sie haben auch gar keines extra abgemacht. Wenn dann ein Wort verwendet wird, das alle kennen, können andere je nachdem auch helfen in einer Notsituation, oder wissen zumindest, dass das Spiel abgebrochen wird und die Spielenden zur Aftercare übergehen.

Ebenfalls sehr verbreitet ist das Ampelsystem. Das Wort «Rot» ist dabei das Safewort, dass das Spiel abbricht. Mit «Gelb» können die Spielenden einander einfach und effizient kommunizieren, dass sie sich eine andere Richtung im Spiel wünschen. Wenn beispielsweise eine Impactsession stattfindet und der Sub «Gelb» sagt, wird es vielleicht gerade zu intensiv oder zu repetitiv oder die Fixierung drückt etc., aber der Sub will das Spiel nicht beenden deswegen. «Grün» meint dabei, dass alles okay ist. Vielleicht will der aktive Part die Situation explizit abchecken, weil der passive Part schwer zu lesen ist und fragt «Alles grün?» oder «Farbe?» oder «Ampel?».

Da wir ja oft im Spiel schwer reden können, weil da ein Knebel, ein Seil, ein Gag oder ein Schwanz die Sprache verhindert, oder Wörter formulieren schwer fällt weil man mental gerade in anderen Sphären unterwegs ist, ist das spielen mit Safesigns oft ganz praktisch. Das wäre dann entsprechend ein non-verbales Zeichen, dass als Safeword gilt. Verbreitet ist zum Beispiel dem passiven Part etwas in die Hand zu geben, das fallen gelassen werden soll, wenn es zuviel ist. Oder, und das erfordert etwas mehr zweiseitige Kommunikation, dass der aktive Teil dem passiven die Hand drückt, und wenn zweimal oder dreimal zurückgedrückt wird, ist alles in Ordnung – wenn nicht oder nur einmal, stimmt gerade etwas nicht. Eine weitere Variante ist, dass der oder die Sub dreifach stöhnt, klatscht, grunzt, quietscht, kneift, stampft oder ähnliches. Die Rhythmik von dreimal nacheinander ist zu absichtlich, als dass es in der allgemeinen Geräuschkulisse nicht auffallen würde.

Und dann gibt es die persönlichen Safewörter. Das ist gerade in sich entwickelnden Spielbeziehungen ein schöner Akt, gemeinsam abzumachen, was das gemeinsame Safeword sein soll. Genauso kann man für sich selbst etwas überlegen, das man in einem Spielsetting dem Gegenüber kommuniziert. Auch wenn wir in der deutschen Sprache die grossartige Möglichkeit haben, eine nahezu endlose Kette an Nomen aneinanderzureihen, ist es vielleicht von Vorteil, wenn euer Safewort etwas kürzer als «Hausverwaltungsmitgliederversammlungseinladung» ist, aber hey, was auch immer ihr gut findet.

Falls nichts anderes miteinander ausgemacht wurde, also falls nicht explizit über Safewörter vor dem spielen geredet wird, ist «Mayday», «Rot» oder auch einfach «Aufhören» und «Stop» immer gültig.

Jetzt gehen wir die Sache noch etwas tiefer an:

Warum soll «Nein» oder «Stop» nicht einfach immer genug sein? Wir verhandeln und sprechen vor dem Spiel über Grenzen, damit wir uns während dem Spiel der Illusion der absoluten Macht und bedingungslosen Unterwerfung hingeben können. Deswegen ist es ein kluger Mechanismus, sich mit einem «spielfremden» Wort aus dem Spiel zu lösen. Hinzu kommt, dass es schaurig schön und befreiend sein kann, in einem Spiel zu betteln und zu flehen und «Nein» und «Hör auf» sagen zu können, ohne dass das Spiel dadurch abgebrochen wird. Sowas ist natürlich im Voraus abgemacht und die Spielenden kennen ihre Safewörter. Ein weiterer guter Grund kann sein, dass der aktive Teil seinem Gegenüber Auflagen gibt, wie der passive Part überhaupt kommunizieren darf. Wenn dann ein Moment der Überforderung passiert, und es nicht möglich ist die korrekte Formulierung für einen Richtungswechsel sich zusammenzustückeln, kann ein Safeword ein sicherer und effizienter Ausweg sein.

Es gibt auch Hemmungen, ein Safeword zu benutzen. Wenn zwei oder mehr miteinander spielen, wollen natürlich alle, dass auch die anderen dabei Spass haben. Ein Safeword auszusprechen und damit das Spiel zu beenden, kann bei manchen eine gewisse Hemmung aufbauen das zu tun aus Angst, das Gegenüber zu enttäuschen oder weil man sich ein falsches schlechtes Gewissen macht. Ich würde dazu die gegenteilige Perspektive einnehmen: Wenn sich jemand beim spielen nicht mehr OK fühlt, und das den anderen vorenthält, ist das viel belastender, als das Spiel abzubrechen und vielleicht später nochmals zu starten oder ein anderes Mal. Egal was für eine Praktik du machst, du darfst alles zu jedem Zeitpunkt abbrechen.

Wenn ein Safeword ausgesprochen wird, bedeutet das erstmal für den aktiven Part aufzuhören mit was auch immer man gerade dran ist. Falls der Bottom irgendwie festgemacht ist, die Bondage lösen und in aller Ruhe fragen, was nicht gut ist. Da wir uns beim Spielen teilweise mental in anderen Sphären bewegen, kann es dem Bottom unter Umständen schwer fallen zu artikulieren. Wenn der Bottom nicht gerade kommunizieren kann, was nicht mehr gut ist, darf man dem auch Raum geben als Top und muss nicht nachbohren. Erstmal dafür sorgen, dass die Toys aus dem Weg geräumt werden und der Bottom warm und zu trinken hat. Wenn körperlich nichts akut versorgt werden muss, kann später oder auch erst ein paar Tage drauf in Ruhe darüber geredet werden. Oder wenn es weder emotional noch körperlich eine grosse Sache war, habt ihr vielleicht auch am selben Abend wieder Lust nochmals anzufangen. Das alle Beteiligten so wieder auf den Boden zurückkommen, wie sie es brauchen, ist erstmal wichtiger, als die Session akribisch zu sezieren.

Jetzt habe ich ein Beispiel beschrieben, wie der passive Part safeworded. Mit ordentlich Nachdruck und Fanfaren und Leuchtstift möchte ich betonen, dass genauso der aktive Part sich in einer Situation wiederfinden kann, wo sie oder er safeworden möchte. Auch für Tops können Sessions an einen Punkt kommen, wo gestoppt werden muss. Da kann die wundervolle Konvention ein Safewort zu sagen oft einfacher sein, als “ähm, du hör mal, sorry, ich glaub ich kann nicht mehr.”, wenn man körperlich, emotional oder psychisch merkt, dass sich das spielen jetzt grade nicht mehr gut anfühlt.

Wenn ich schon bei Fanfaren und Leuchtstift und Nachdruck bin, gleich noch was: Es ist gängige und wichtige Praktik, ein Safeword nie zu hinterfragen. Das wäre ein massiver Vertrauensbruch. Ein Safeword muss nie begründet werden – egal ob es von der aktiven oder passiven Seite ausgesprochen wird, egal zu welchem Zeitpunkt, egal aus welchem Grund.

«Kumquat Beyoncé Bundesrat Kaulquappe Pandabär» … wenn das jemand von sich gibt beim spielen, ist es übrigens recht wahrscheinlich, dass das Safeword einfach vergessen ging.

Der Vorstand stellt sich vor – Thomas

Die IG BDSM hat mein Leben nachhaltig verändert. Anfang 2014 habe ich mich im Forum registriert, es folgte – und dauert noch immer an – eine sehr spannende Zeit voller wundervoller Erfahrungen, in welcher ich mehrere Herzens-menschen kennenlernen durfte. Mit einigen dieser Menschen bin ich dann irgendwie im Vorstand der IG BDSM gelandet und geblieben.

Ich bin allen Personen, die mich bei meinen ersten Schritten unterstützt, begleitet und gefordert haben unendlich dankbar, und dieses Geschenk gebe ich auch gerne an andere weiter. Es bereitet mir grossen Spass Menschen zu helfen ihre Berührungsängste zum Thema BDSM zu überwinden. Genauso gerne unterstütze oder vernetze ich Menschen mit Ideen und Motivation etwas aufzubauen.

Ich könnte euch nun erzählen, dass ich es liebe sowohl in, als auch an den Seilen zu sein. Dass ich akzeptieren konnte, masochistische und sadistische Züge zu haben. Doch ich schreibe euch lieber von etwas, dass euch alle auch betrifft.

Als Simona von ihrem Rückzug aus dem Vorstand erzählte, und sich heraus-kristallisierte, dass ich nach ihr der logischste Nachfolger als Präsident des Vereins bin… Da hatte ich eine Scheissangst!

Ich hatte eine Scheissangst, der letzte Präsident eines langsam vor sich hinsiechenden Vereins zu werden, euch und meinen Vorgängern in keinster Weise gerecht zu werden. Derjenige, der es durch Passivität schafft, diese wundervolle und dramalose Konstanz zu brechen. Ich bin kein Macher. Aber ich kann die inspirierten Menschen um mich unterstützen, wie ich es bisher gemacht habe.

Simona bleibt uns aber erhalten, und wir haben neue motivierte Kandidaten für den Vorstand. Ich habe engagierte, wundervolle Menschen um mich, denen ich helfen kann diesen Verein weiterhin zu etwas Einzigartigem und Hilfreichen zu machen, für euch und die BDSM Szene der Schweiz. Ich danke jedem und freue mich auf das was kommt.

Der Vorstand stellt sich vor – Simona

Ich bin nun seit 2014 IG-Mitglied und auch schon länger im Vorstand aktiv. Nachdem ich letztes Jahr angekündigt habe, mich aus dem Vorstand zurückzuziehen bleibe ich euch doch noch etwas erhalten, allerdings mit etwas weniger Auf-gaben als bisher.

Beim BDSM setzte ich ganz klar den Fokus auf Qualität statt Quantität. Ein Spiel braucht das richtige Gegenüber, den richtigen Raum und genügend Zeit, um gut zu sein. Wenn dies alles stimmt, kann ich in verschiedenen Rollen sehr weit gehen. Wenn ein Faktor nicht stimmt, lasse ich es lieber und warte auf eine bessere Gelegenheit.

Ich bin vor allem sadomasochistisch, liebe aber Reaktionen im Allgemeinen und lasse mich auch gerne Fesseln. Je nach gegenüber kann ich auch einer D/S-Dynamik etwas abgewinnen.

Ich bin Beziehnungsanarchistin, polyamourös und pansexuell, lebe in einem wunder-baren Beziehungsgeflecht und geniesse dies sehr. Sexualität kann, muss aber nicht in meinem BDSM mitspielen, ob sie es tut, kommt immer auf das Spiel und das Gegenüber an.

Ausserhalb von BDSM bin ich Schneiderin und geniesse es in der Freizeit sehr ein gutes Buch zu lesen, meinen Garten zu pflegen und interessante Gespräche zu führen. Mit Small-Talk kann ich hingegen nichts anfangen und langweile mich auch schnell dabei. Ich geniesse es, mit Menschen, die mir wichtig sind zusammen zu sein, ziehe dabei aber ein gemütliches Grillieren im Garten einer lauten Party vor. Ebenso pflege ich lieber einige wenige gute Freundschaften -bei denen man sich auch mal eine gewisse Zeit aus den Augen verlieren kann, ohne dass es das Verständnis füreinander schmälert- als viele Kollegen und Bekannte zu haben.

Der Vorstand stellt sich vor – Totoro

Totoro ist ein mystisches Wesen unbekannten Alters, manche schätzen ihn auf Mitte Dreissig, andere mehrere Millionen Jahre alt; manche behaupten er lebe in Zürich, andere verorten in auf unbenannten Inseln Japans. Gespickt mit Widersprüchen lebt er als fordernder Dom und genauso als fürsorglicher Daddy. Er ernährt sich ausschliesslich von den Energien seines glücklichen Subs. Seile, Impact, Protokoll – das alles sind verschiedene Wege für ihn, um eine tiefe und intime Verbindung mit seinem Sub wachsen zu lassen. Dabei geht für ihn BDSM aber weit über Sexualität hinaus und ist ein grosser Teil seines Lebens in der 24/7 Beziehung die er führt.

BDSM ist Teil seiner Identität seit seinen frühesten sexuellen Erinnerungen und Neugierden. Mit unersättlicher Gier auf Lernen verschlingt er seit jeher Workshops, Gespräche und Bücher, entdeckt immer wieder Kinks von denen er dachte, dass die gar nix für ihn seien, und gibt sein Wissen und seine Erfahrungen auch gerne an andere weiter. Der Fokus liegt dabei auf D/s-Dynamiken, von hochstrukturiertem Protokoll bis hin zu wildem Primal/Prey Spiel und allem dazwischen. Eine kleine ritualisierte Geste ist für ihn genauso mächtig wie schiere, physische Dominanz.

Grosse Freude hat Totoro vor allem an Kommunikation. Sei es der stundenlange Austausch über Freuden, Neugierden und heimliche Phantasien oder ein kurzer wortloser Blick des Vertrauens. BDSM ist für ihn Kommunikation auf allen Ebenen, Punkte die sich verknüpfen und verweben.

Woher kommt die Motivation und die Lust sich im Vorstand der IG einzubringen? Totoro ist an einem Punkt in seinem Leben, wo er einfach glücklich ist. Er hat über ein Jahrzehnt lang von der Arbeit anderer aus der Szene profitiert, kluge Texte lesen, an tollen Workshops Neues entdecken und von erfahreneren Kinkster*innen lernen dürfen. Da wo Totoro heute steht, hat er grosse Lust darauf, der Szene was zurückzugeben.

Was Totoro lachen macht: Regen, wachsende Pflanzen, schnurrende Katzen, der Geruch von Kaffee, frische Wäsche und seine Finger über sonnengewärmtes Holz gleiten zu lassen.

Ein Blick durch die Augen von Totoro auf seine Welt würde ungefähr folgenden Zeilen von E.E. Cummings entsprechen:

nothing which we are to perceive in this world equals
the power of your intense fragility: whose texture
compels me with the color of its countries,
rendering death and forever with each breathing

(i do not know what it is about you that closes
and opens; only something in me understands
the voice of your eyes is deeper than all roses)
nobody, not even the rain, has such small hands

Der Vorstand stellt sich vor – Kage Nawa (Fai)

Ich bin Fai, auch bekannt als Kage_Nawa, (er/ihm). Als ich vor gut 10 Jahren BDSM kennenlernte war für mich alles neu, jedoch wusste ich schon früh, dass das Seil mich fasziniert. Wirklich zum Ausleben kam ich aber erst vor 4 Jahren. Ich habe mich seit dann aktiv in der Szene eigebracht und bin Gründungs-mitglied des Jugendstammtisches in Basel, welchen wir in einem kleinen Team seit 2019 erfolgreich führen.

Über den Jugendstammi und Kater, den ich seit längerem zu meiner gewählten Familie zähle, habe ich auch den Zugang zur IG gefunden und mich dieses Jahr entschieden, mich aktiver einzubringen um mehr für die Szene zu machen. Ich bin ein Verfechter davon, dass Kink nicht nur eine sexuelle Vorliebe ist, sondern auch sexuelle Identität sein kann und stehe daher dafür ein, dass BDSM in der Öffentlichkeit mehr Anerkennung findet. Deswegen nutze ich jede Möglichkeit, die sich mir bietet, vor Menschen darüber zu reden, sei es im kleinen Kreis oder bei Podcasts.

Mit meinen bald Dreissig Jahren habe ich vor allem Erfahrung mit der japanischen Fesselkunst und besuche regelmässig das Tying with Friends. Mein BDSM lebe ich primär auf der aktiven Seite. Im Moment bin ich mich selber in meiner beiläufigen Dominanz (casual dominance) am Finden, um meinen Reaktionsfetischismus zu befriedigen. Da interessiere ich mich für Mindgames, D/s, Impact-, Predicament-, Hypnose- und Breath-play und alles was sich mir sonst so Spannendes bietet. Ich bilde mich stets mit einschlägiger Fachliteratur weiter und versuche, sofern es die Zeit zulässt, Workshops zu besuchen. Ebenso habe ich im 2021 erste Erfahrungen im Unterrichten und Halten von Shibari Workshops sammeln dürfen und werde dies in Zusammenarbeit mit der IG in verschiedenen Bereichen ausbauen.

Die falschen Normen

Wer seine Reise in die grosse, weite Welt der Perversionen beginnt, googelt sich wohl auch die Finger wund zu allem Möglichen. Dabei passiert manchmal etwas Seltsames: Obwohl du weisst, dass du weit ausserhalb der «Norm» bist mit deinen Freuden, kommen ganz neue Normen auf Dich zu. Mit diesem Blog will ich versuchen, ein paar davon ein wenig einzuordnen.

«Es gibt klare Identifikationen und du musst dich genau daran halten»: Also es gibt grundsätzlich Dom und Sub, oder Switch. Und dann Master und Slave, und das ist anders weil soundso. Und dann Mommy und Boy. Und dann Primal und Prey. Und dann Hinz und Kunz. Und dann weissichnichtwasalles. All diese Töpfchen, diese Labels, sind historisch gewachsen. Sie sind super praktisch, um mit anderen Kinksters zu kommunizieren, haben in sehr spezifischen Kontexten auch ganz scharfe Abgrenzungen und Bedingungen, und sind aber für deine Lust und dein Spiel nur so relevant, wie du es willst und sie dich empowern. Wenn es ein schönes, lustvolles Gefühl auslöst, dich in einem Begriff sehr wiederzufinden – toll! Wenn damit aber dann Sätze aufkommen wie «ja also ein richtiger Sub ist ja soundso definiert», dann darf das herzhaft hinterfragt und ausgelacht werden. Es gibt weder die BDSM-Polizei noch das BDSM-Gesetzbuch. Was es gibt, ist deine Lust und die darf auch kommuniziert werden mit «Mich turnt das mega an, wenn du mich Herrin nennst» oder «Admiralin» oder «Schwester» oder «Seegurke». Entsprechend auch im Umkehrschluss davon auszugehen, dass jemand soundso ist, wenn er sich im perversen Alltagsgespräch als «Master» bezeichnet, haut nicht so hin. Klar hat dieser Mensch vermutlich Freude daran, Top zu sein, aber er hat ziemlich sicher keinen Masterabschluss von der Schweinereienuniversität und ist deswegen in diesen und jenen Spielformen phänomenal gut. Die Internettests, die dir eine Liste generieren zu wieviel Prozent du welches Label bist, können hilfreich sein zu deiner Lust überhaupt den verbreiteten Namen zu finden, aber die geben dich weder adäquat wieder, noch sollen dir die Bereiche, wo du nicht so hoch abgeschnitten hast, verschlossen bleiben.

Was eigentlich dahinter steckt: Diese Labels helfen in der Kommunikation und können sehr wirkungsvoll sein im finden deiner Kink-Identität. Sie bringen aber weder einen Pflichtenkatalog mit sich, noch sind sie in Stein gemeisselt. Entdecke die «Labels», die dir zusagen, und auch wenn sie nur halb zusagen, bist du trotzdem willkommen dort.

«Achtung! Nein! Vorsicht! Das darfst du nicht!»: Sobald man über BDSM mehr erfährt, hört man auch bei nahezu allen Praktiken von Sicherheitshinweisen. Und das ist auch gut so. Es macht Spass und Sinn, zu wissen was man tut. Skeptisches Denken, Empathie und Kommunikation reichen da schon sehr weit. Spannend wird es beim Erlebnis von «oh, das hab ich nicht gewusst». Was wär das schon für eine Freude, wenn was schief läuft und man hat keine Ahnung was tun? Das soll kein Hemmnis fürs Spiel sein und schon gar kein Verbot, sondern vielmehr im Gegenteil eine Lust: Wir können hemmungslos dieses Spiel machen, eben weil wir ungefähr wissen, was im Worst-Case zu tun wär, und weil wir wissen was Spass macht und welche Sachen eine nicht so prächtige Idee sein könnten.

Was eigentlich dahinter steckt: Diese Sicherheitshinweise wollen eine Einladung sein, mehr zu entdecken, und keine verschlossene Türe. Weil unsere Spielarten auch Risiken mit sich bringen, tut das gut, sich darüber zu informieren.

«Wer super erfahren ist, ist super cool und super begehrt!»: Alle fangen irgendwo mal an. Es ist natürlich eine schöne Sache, den Menschen zuzuhören, von denen man etwas lernen kann, aber das sind meistens nicht die, die dir in den ersten paar Sätzen ganz dringend erzählen wollen, was sie schon alles gemacht haben. Besonders wenn dir jemand in den Onlinewelten ein Gefühl der vermeintlichen Unterlegenheit aufdrücken will durch grosse Selbstlobhudelei, steckt da kaum mehr dahinter als Unsicherheit. Du musst nicht erfahren sein, um BDSM zu machen. Du darfst kommunizieren, worauf du Lust hast, was du entdecken und erleben willst. Und wenn es etwas gibt, was dich interessiert und du nicht so recht weisst «wie», dann findest du sicher den passenden Workshop auf der IG Seite gelistet oder schreib uns an, und wir helfen dir jemanden zu finden, der/die es dir zeigen kann.

Was eigentlich dahinter steckt: Wenn man mit jemandem spielen will, ist es gut voneinander zu erfragen, wo ungefähr die Erfahrungen liegen, um aufeinander eingehen zu können, um im Sinne von RACK (Risk Aware Consensual Kink) zu spielen, um gemeinsam auch das zu tun, worauf beide Lust haben. Leute, die sich dabei dann schaurig aufplustern, werdet ihr leicht durchschauen. Keinesfalls müsst ihr irgendjemandem etwas vormachen, um «begehrt» zu sein.

«Du darfst nur dann BDSM machen, wenn du in Lack und Leder gehüllt bist!»: Viele von uns stehen da sehr drauf, mit der Geschichte des Kink hat es erst recht viel zu tun und aus der Popkultur ist das nicht mehr wegzudenken. Aber falls du weder mit Leder noch mit Latex was anfangen kannst, heisst das nicht, dass du nicht «dazu gehörst». Für die einen ist es was, für die anderen nicht. Wenn bei einer Einladung zu einer Playparty steht, dass Fetischkleidung erwünscht ist, heisst das nicht, dass das auf Latex und Leder reduziert ist. Die Idee dahinter ist, dass es wunderschön sein kann, sich in einem solchen Setting extra herausgeputzt herumzubewegen. Aber alle Veranstalter*innen wissen, dass das auch eine Geld- und Lustfrage ist und wollen dich vielmehr dazu einladen, dich so zu zeigen, wie du dich sexy fühlst, als dass das ein Gatekeeper-Gedanke ist im Sinne von «wenn du das nicht magst, hau ab.» Falls da Unsicherheiten sind, darfst du die Veranstalter*innen auch kontaktieren, und nachfragen, ob dein Nicht-Lack-oder-Leder-Outfit okay ist.

Was eigentlich dahinter steckt: Leder und Latex sind ein wichtiger Teil unserer Subkultur, aber keineswegs eine Bedingung dafür darin stattfinden zu dürfen.

Kurzum: BDSM ist wie ein Süssigkeitenwarenladen und du darfst dir alles nehmen, das dir gefällt. Die einzige Norm bei uns ist, dass wir im Sinne von RACK miteinander spielen und Respekt vor der Privatsphäre aller Beteiligten haben.

 

SSC und RACK und PRICK

Kink kann manchmal ganz schön nerdig sein. Und wenn du dich der philosophischen Streitfrage stellst, ob SSC oder RACK oder PRICK richtig ist, dann bist du jedenfalls hier richtig.

Kink kann manchmal ganz schön nerdig sein. Und wenn du dich der philosophischen Streitfrage stellst, ob SSC oder RACK oder PRICK richtig ist, dann bist du jedenfalls hier richtig.

Die Abkürzung SSC steht für «safe, sane und consensual», also «sicher, gesund und einvernehmlich». RACK steht für «risk aware consensual kink», also «riskiobewusstem einvernehmlichen Kink». Und zu guter Letzt PRICK steht für «personal responsibility, informed consensual kink», das übersetz ich mal mit «eigenverantwortlichem, informierten und einvernehmlichen Kink».

Mit dem Aufkommen von SSC in der Kinkszene, hat man gegenüber der Welt kommuniziert, dass wir in einer sicheren, nicht idiotischen und einvernehmlichen Art und Weise miteinander spielen. Da der Blick von aussen auf unsere Szene halt meistens einer ist, der uns als krank, psycho und daneben abstempelt, bringt die Abkürzung SSC die Diskussion entwaffnend auf eine andere Ebene. Toll daran ist, dass diese Abkürzung per se schon Gespräche starten kann und wir alle uns damit auch selbst reflektieren, wie wir die Themen Sicherheit und Konsens praktizieren. Etwas illusorisch ist die Annahme, dass Kinksters vor dem heilsamen Einführen des Begriffs SSC in wilder nicht-einvernehmlicher Manier die tödlichsten Praktiken miteinander ausgelebt hätten. Hüpf-Flogging auf ungesicherten Drahtseilen über der Viamala Schlucht oder so.

Und woher kommt das eigentlich? Die Amis haben 1908 angefangen im Voraus zu ihrem Nationalfeiertag mit dem Slogan «Have a safe and sane Fourth of July» auf die Gefahren von Feuerwerk hinzuweisen. Das hat wohl immer wieder zu Feuerwerks-Unfällen geführt rund um den Feiertag. Die Interessensgemeinschaft New York Gay Male S/M Activists, kurz GMSMA, hat in ihrem Leitbild zum ersten Mal safe, sane and consensual 1983 verwendet. Gemäss den Erzählungen der Gründer sind sie auf diesen Spruch gekommen, weil sie mit dem safe and sane Slogan aufgewachsen sind und der so einfach zu erinnern war. Sie wollten mit dem SSC Begriff einen Gegenentwurf machen zur gesellschaftlichen Pathologisierung von SM. Ebenso hat auch der New Yorker Hellfire Club wenige Jahre davor safe and sane verwendet in ihrem Leitbild. Die Sache wurde dann aber 1987 und 1993 gross, als bei zwei Leder-Paraden in Washington SSC auf grosse Banner gedruckt wurde und sich der Begriff von dort aus in die ganze Welt katapultiert hat.

Der Unterschied den RACK dann glücklicherweise zieht, ist es zu sagen: «Hey Leute, das ist doch gelogen unsere Art von Sex als sicher anschreiben zu wollen. Nichts im Leben ist sicher.» Natürlich wollen wir alle, dass nichts schief läuft beim Spielen. Aber wenn wir konsequent nur «safe» spielen wollten, bleibt vernünftigerweise fast nichts übrig – und damit ist nicht nur Nadeln, Peitschen und Würgen gemeint, sondern genauso Bondage und D/s Spiele. Darum dieser Gegenvorschlag, der nicht das Wort «sicher» betonen will, sondern das Risikobewusstsein. Risikobewusst heisst, man kennt die Risiken und weiss, wie man sie minimieren kann oder in einem Worst-Case damit umgeht. Fairerweise muss ich anfügen, dass damals mit dem ersten S in SSC auch Safersex in Bezug auf Geschlechtskrankheiten angesprochen werden wollte, und das zweite S, das «sane», sich eher mit dem Risikobewusstsein auseinandersetzt. Aber die Annahme, dass Leute, die SSC machen, lediglich in Bubblewrap verpackt einander Komplimente zu flüstern, ist falsch.

RACK entstand bei der TES1. Die einflussreiche amerikanische BDSM Gemeinschaft The Eulenspiegel Society (TES), hat in einem Onlineforum 1999 diskutiert, mit was man SSC ersetzen könnte, wegen der oben beschriebenen Einwände. Zudem wollten sie mit dem K für Kink auch klar machen, worum es dabei geht. Auch wenn wir so tun, als ob diese Philosophien einander entgegen stünden, der RACK «Erfinder» Gary Switch selbst meinte, dass die absolut kompatibel seien und kein Akronym Kommunikation ersetzen kann. Weil die TES damals mit Magazinen, Newslettern und Onlineforen sehr präsent war, hat sich dann das RACK per Internet ratzfatz in alle Communitys verbreitet.

Jede neue Generation soll, darf und muss sich neu erfinden, und so hat sich von den Akronymen der neuen Generation PRICK am stärksten durchgesetzt. Mit der Betonung auf der persönlichen Verantwortung und dem Informiert-Sein, wird der Unterschied zu RACK dahingehend gezogen, dass es eine ungute Sache sein kann, wenn zwei zu einem Spiel «ja» sagen, aber nur ein Part abschätzen kann, was das eigentlich bedeutet. Gerade wenn die Spielenden unterschiedliche Erfahrung haben in einem bestimmten Spielbereich, fehlt es dem weniger erfahrenen Teil an der Grundlage, eigenverantwortlich zu handeln. Auch da kann man mit philosophischem Spass dann leicht dagegen argumentieren, dass wenn ein Konsens nicht ein informierter Konsens ist, gar kein Konsens ist. Wie auch die Tatsache, dass wenn man was zum ersten Mal macht, wohl gar nicht so genau abschätzen kann, was da alles auf einen zukommt. Obendrauf kommt, dass wir das ja auch geniessen, in einer Session Verantwortung abzugeben. Nichtsdestotrotz ist diese Betonung der Eigenverantwortung etwas weiter gefasst natürlich genau richtig für unsere Perversionen. Aber dann davon ausgehen, dass Leute die nach Schema RACK spielen, keine Eigenverantwortung übernehmen, sondern vor ihrer unabsichtlichen Bondage Session einfach die Dumm-Gelaufen-Versicherung bei der internationalen BDSM-Risiko-Anstalt erneuern, ist nur ein Gerücht.

Warum ich diese Abkürzungen trotzdem liebe? Weil wir damit reflektieren und auch kommunizieren können, dass wir mit unseren Perversionen umzugehen wissen; weil es ein Gegenentwurf ist zum gesellschaftlichen «das ist ja verantwortungslos und gefährlich was du da machst»; weil wir den Guinessbucheintrag wollen für die Subkultur mit den meisten Abkürzungen.

Was auch immer euch davon am meisten zusagt – das Internet hat euch noch massig mehr dazu zu erzählen.

1 https://fetlife.com/users/53355/posts/25734

Saubere Sache – Ein Hygiene Leitfaden

Mit intensivem Spielen kommt auch die Frage nach der Instandhaltung von Spielzeug und Spielumgebung. Aber wie? Von übertragbaren Krankheiten bis zu Schimmel – mit diesem Leitfaden wollen wir euch eine praxisnahe und konkrete Hilfe für den schmutzigen Alltag geben.

Mit intensivem Spielen kommt auch die Frage nach der Instandhaltung von Spielzeug und Spielumgebung. Aber wie? Von übertragbaren Krankheiten bis zu Schimmel – mit diesem Leitfaden wollen wir euch eine praxisnahe und konkrete Hilfe für den schmutzigen Alltag geben.

(Diesen Blog schreibe ich als interessierter «Praktiker». Ich habe keinerlei medizinische oder chemische Ausbildung.)

Zu RACK, also risiko-bewusstem einvernehmlichen Kink, gehört auch das unsexy Thema der Krankheitserreger und dem Reden darüber. Mit diesem kleinen Hygiene Leitfaden möchte ich einen realistischen und praktikablen Ansatz zum Thema bieten, wie ihr euer Spiel sauber halten könnt.

Wenn ihr mit jemand Neuem spielt, ist es kein Affront danach zu fragen, wie dieser Mensch seine Toys sauber hält. Im Gegenteil, wenn das Gegenüber reagiert mit «Pff, zweifelst du etwa meine gottgegebenen BDSM-Putz-Skills an?» dann ist das eher ein Warnhinweis. Risk aware bedeutet, dass wir uns bewusst sind, was die Risiken sind, damit wir gut damit umgehen und eben auch problemlos darüber reden können.

Krankheitserreger können alle möglichen Formen haben (Bakterien, Viren, Pilze…) und beziehen sich hier nicht nur auf die klassischen Geschlechtskrankheiten wie HIV oder Tripper, sondern mitgemeint sind auch der elende Hefepilz, Bakterielle Vaginose BV, Schimmel oder E-Coli. Diese können in einer langjährigen monogam geschlossenen Situation genauso akut sein.

Wir unterscheiden drei Sachen: Etwas ist sauber, wenn es mit Seife und Wasser gewaschen wurde. Das nimmt in den meisten Fällen rund 95% der Erreger weg. Etwas ist im Sprachgebrauch unseres Kontextes desinfiziert, wenn hier beschriebene Methoden angewendet wurden, sprich etwas richtig mit Desinfektionsmittel behandelt ist. Das schraubt diese Prozentzahlen nochmals ordentlich rauf und trifft Erreger, die mit Seife und Wasser nicht immer gepackt werden. Von steril reden wir schon gar nicht. Steril ist ein Zustand, den wir mit unseren Möglichkeiten meist gar nicht hinkriegen. Wir können uns lediglich sterile Einweg-Toys anschaffen bspw. im Bereich des Medical Plays, oder haben tatsächlich tolles Equipment, um zu Sterilisieren, und diejenigen Kinksters, die das haben, wissen auch wie damit umgehen.

Mit den folgenden 6 Punkten habt ihr gefühlt 80% der Themen abgedeckt:

– Händewaschen. Vor dem Spiel und nach dem Spiel. Und logischerweise nach jedem Toilettengang dazwischen. Idealerweise noch Händedesinfektion drauf, einreiben und trocknen lassen.

– Die Spielumgebung säubern. Wenn es irgendwo sichtbare Unreinheiten hat, macht ihr die zuerst mit Seifenwasser weg. Dann wird alles mit dem Flächendesinfektionsmittel, das an der Playparty zur Verfügung steht (meist alkoholbasiert), nebelfeucht abgewischt und ihr lässt das trocknen. Auch für bei sich zu Hause ist das eine gute Routine.

– Wenn ihr nicht fluid-bonded seid, dann gehört über alles, was in Körperöffnungen reingeschoben wird, ein Kondom drüber. (Fluid-bonded bedeutet, dass zwei Menschen in einer sexuellen Beziehung sind, beide einen Checkup gemacht haben und ihre Körperflüssigkeiten unbedenklich austauschen.) Fragt euer Gegenüber, ob eine Latexallergie besteht. Zudem die gewohnten Safer-Sex Praktiken von Handschuhen und Lecktüchern.

– Nach dem Spiel werden die Toys gereinigt, und zwar, ob sie mit Kondom benutzt wurden oder nicht. Egal was für ein Material es ist, da gibt es immer zwei Schritte (ich werde gleich noch toy-spezifischer). Zuerst mal alle eingetrockneten Sekrete und Gleitmittel mit warmem Wasser und Seife abwaschen, bzw. bei Blut zuerst mit kaltem Wasser starten. Denn, wie kontraintuitiv das auch klingen mag, mit noch mehr Desinfektionsmittel das wegschrubben machts nicht besser. Zuerst Verschmutzungen weg, erst dann desinfizieren. Dafür kauft ihr euch in einer Apotheke ein Flächen-Desinfektionsmittel, zum Beispiel Desinfektionstücher, reibt das Toy damit grosszügig ab und lässt es ohne weiteres Zutun trocknen. Falls es ein Toy ist, das mit Schleimhäuten in Kontakt kommt wie ein Ballgag, Plug, Dildo, könnt ihr es nach der Trockenzeit noch mit Wasser abwaschen, denn Alkohol kann reizend sein auf Schleimhäute.

– Wenn du gerne als Switch oder als passiver Part mit verschiedenen Partner*innen spielst, macht es schaurig viel Sinn, dass du dir deine eigenen Toys anschaffst. Damit hast du die Kontrolle über die Sauberkeit davon und bist ja mit dir selbst sozusagen fluid-bonded.

– Wenn etwas zuerst anal verwendet wurde, gehört es grundsätzlich nicht gleich in andere Körperöffnungen rein ohne Kondomwechsel. Kann man natürlich trotzdem machen, aber dann kommen wahrscheinlich Bakterien an Orte, wo sie nicht hinsollen. Sich nach dem Spiel waschen vermindert das dann ein wenig.

Damit ist der grösste Teil schon mal abgedeckt, was die Spielhygiene betrifft. Jetzt wird es etwas komplizierter:

– Das Desinfektionsmittel, das ihr kauft, sollte mindestens bakterizid, levurozid und viruzid wirken. Das ist in der Schweiz bei vielen Flächendesinfektionsmittel gegeben, auch wenn sie echt schlecht im Anschreiben davon sind (auch auf den Webseiten der Hersteller und den Dokumentationen dazu). Ein Gespräch in der Drogerie hilft weiter, und sonst sind die Standard Desinfektionstücher schonmal viel besser als gar nichts.

– Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis sind ideal, weil sie euch selbst am geringsten schädigen und ebenso die meisten Toys kaum. Gibt auch solche auf Javelwasser-Basis oder Peroxidbasis, da ist das nachträgliche Abwaschen dann zwingend notwendig, denn diese Stoffe sind bedeutend aggressiver für die Haut, die Atemwege und die Toymaterialien.

– Bei Desinfektionsmittel gibt es eine Relation zwischen der Konzentration des Mittels und der Einwirkzeit. Dabei ist die Konzentration gesteuert von der Material- und auch oft Hautverträglichkeit. Ein Hinweis, wie lange es einwirken muss, steht auf dem Produkt. Um sich mit der korrekten Konzentration nicht rumbalgen zu müssen, sind die vordosierten Desinfektionstücher praktisch. Wem das zu wenig nachhaltig ist und lieber Desinfektionsmittel aus der Sprüh- oder Spritzflasche einsetzt mit Papiertüchern, der informiert sich am besten direkt beim Hersteller, wieviel wovon richtig ist, wenn es auf der Rückseite der Sprühflasche nicht genug beschrieben ist.

– Jetzt reden wir mal über den Begriff «Flächendesinfektion». Der Idealfall ist ein Toy mit unporöser Oberfläche ohne Kerben, wie bspw. ein unverzierter Glasdildo. Je mehr ein Spielzeug geformt ist, bspw. ein realistischer Dildo mit Adern und Vorhaut, desto aufmerksamer muss mit den Rillen gearbeitet werden. Mit (Einweg-)Bürsten oder Zahnbürsten kommt man da schonmal weit. Je poröser das Material, desto komplizierter.

– Weiche Plastik-Toys wie Dildos, Vibratoren, Cock-Rings aus TPE, TPR, etc. können leider nicht desinfiziert werden. Da ist der Weg von Seifenwasser und danach Alkohol sicher richtig, aber diese Toys mögen Alkohol nicht und aufgrund ihrer «luftigen» Zusammensetzung können sie nicht vollständig von allen potentiellen Erregern befreit werden. Auch wenn sich diese Toys super anfühlen und überhaupt nicht “luftig” ausschauen, haben sie Poren, die gross genug sind für alle gängigen Krankheitserreger.

– Je nach Material und Grösse, bspw. Silikondildo oder Edelstahl-Wartenbergrad, kann es abgekocht werden für fünf bis zehn Minuten. Man hört auch immer wieder von Geschirrspülern: Wenn eure Maschine sehr hohe Temperaturen in einem langen Waschzyklus kann, ist das ohne Geschirrspülmittel und ohne Geschirr drin eine mitteltolle Lösung. Unsere europäischen Geschirrspüler sind aber eher auf energiesparen ausgelegt. Was funktioniert, ist das Eintauchen in Desinfektionsmittel. Also einen Behälter mit Desinfektionsmittel füllen und das Objekt eine Viertelstunde darin baden.

– Bei unseren geliebten Materialien Holz, Leder und Seilen ist es schlichtweg nicht möglich, eine richtige Desinfektion hinzukriegen. Beziehungsweise nur in einer Art und Weise, die das Objekt futsch machen würde. Nichtsdestotrotz müssen auch die möglichst sauber gehalten werden nach dem Spiel. Folgende Praktiken sind verbreitet:

o Bei Holz käme es zwar auf die Art der Verarbeitung an (lasiert, lackiert, geölt, unbehandelt), aber diese Schutzschicht ändert sich über die Jahre und den Gebrauch – sprich ist nicht mehr so perfekt, wie sie mal war. Deswegen bei allen Verarbeitungen die übliche Oberflächendesinfektion von Seifenwasser und dann Desinfektionsmittel, auch wenn das zu Verfärbungen führen kann. Und da muss man sich auch die Frage stellen, mit was es überhaupt in Kontakt gekommen ist.

o Bei Lederspielzeugen, die ihr auf Genitalien geklatscht habt, oder die zu Blutungen beim Peitschen geführt haben, gilt dasselbe wie bei Holz. Verfärbungen des Leders können durch die Reinigung nicht ausgeschlossen werden. Bei Floggern muss Riemen um Riemen gereinigt werden, wie auch dort, wo sich sonst noch “Dreck” verstecken könnte. Und auch hier wieder das Bewusstsein: Ein Lederspielzeug oder Lederkleidung kann nicht desinfiziert werden. Dafür ist die Oberfläche zu porös. Mit Seifenwasser, Flächendesinfektion und anschliessender Lederpflege, ist es sehr sauber, aber wie zumutbar das für euch und euer Gegenüber ist, müsst ihr gemeinsam kommunizieren. Das soll nicht zu einer Keimphobie leiten, sondern die realistische Frage aufbringen: Wohin haut man mit welchem Toy bei wem, welche Risiken bestehen, wie schlimm ist das für euch und wie geht ihr damit um.

o Bei Seilen haben wir zwar mit Hanf, Jute und Flachs Naturmaterialien, die von Haus aus antibakteriell sind, aber auch hier bleibt es bei derselben risk-awareness wie bei Holz und Leder. Grundsätzlich mal Abwischen mit einem Desinfektionstuch und trocknen lassen. Wenn das Seil als Crotch-Rope benutzt wurde: Dem Gegenüber schenken oder beim Seilen ein Seil benutzen, das auch in die Waschmaschine gehen darf bei hohen Temperaturen (oder den Backofen oder in die Sonne legen). Besser ist es, als passiver Part selbst ein Seil mitzubringen, das als Crotch-Rope benutzt werden kann. Der Einfluss des Reinigens auf die Belastbarkeit der Seile in einem Suspension-Setting ist nochmals ein weiteres Thema, und eure Lehrperson im Dojo kann euch da mehr dazu sagen.

– Gleitmittel mit verschiedenen Partner*innen zu teilen ist nicht optimal, weil das Abwischen mit dem Finger von der Tube Erreger in die Tube bringen könnte. Je besser der Dispenser und je geübter deine Handgriffe sind, desto «sicherer». Aber hey, bring doch einfach deinen eigenen Lieblingslube mit zum Spielen.

– In Sexshops kriegt ihr auch speziell angefertigte Toycleaner, meist als Sprays aber auch als Tücher. Die sind preislich etwas höher als handelsübliches Desinfektionsmittel, aber sind dafür oft spezifisch auf Haut- und Toyverträglichkeit hin fabriziert.

Ein kleiner Exkurs noch: Wenn wir über solche Themen reden, bedienen wir uns automatisch dem Vokabular von “schmutzig”, “reinigen”, “Verunreinigung”, “Krankheitserreger”. Damit kommt ein komischer, moralischer Beigeschmack mit, der dann manchmal so kleine Hemmungen oder Ängste im Kopf einbaut. Nur um das gesagt zu haben – an euch und euren Körpersäften ist überhaupt nichts falsch oder ungesund und all eure Toys sollen unbedingt im ausgelassenen Spiel von hinten bis vorne von all euren Körpersäften triefen. So wie wir unsere Kleider waschen, so waschen wir auch unsere Spielzeuge.

Noch ein Gedanke zum Schluss: Nichts ist absolut sicher. Wir reden von «safer sex» nicht von «safe sex». Das heisst aber auch, dass ihr realistisch sein dürft und mit klugen Praktiken nicht in einer Angst leben müsst.

Hier ist noch ein Link zu einem viel ausführlicheren und fundierteren Dokument von der Gentledom Community: https://gentledom.de/fileadmin/99_Downloads/LeitfadenDesinfektionLangfassung.pdf

Soviel zur Sauberkeit, jetzt viel Spass beim dreckig sein.

Januarloch – Die Welt der Pervertables

Passend zum Januarloch und überhaupt als Inspiration, dass es nicht immer teuer sein muss – die herrlich perverse Welt der Pervertables. Mit Pervertable bezeichnen wir einen gewöhnlichen Alltagsgegenstand, den wir für unsere Vergnügen zweckentfremden.

Passend zum Januarloch und überhaupt als Inspiration, dass es nicht immer teuer sein muss – die herrlich perverse Welt der Pervertables. Mit Pervertable bezeichnen wir einen gewöhnlichen Alltagsgegenstand, den wir für unsere Vergnügen zweckentfremden. Objekte, die nicht fürs Spielen gedacht sind, brauchen natürlich auch das entsprechende Risikobewusstsein und das bedeutet sich das Wissen aneignen, was wie auf den Körper wirkt. Das Thema Sicherheit überlasse ich aber hier in diesem Blog meistens euch selbst. Wenn man sich folgende Fragen stellt, hat man schonmal mitgedacht: Hat es schnittige Kanten oder spitzige Metallaufsätze? Kann es ab- oder zerbrechen? Ist es sauber? Kann ich ein Kondom drüber tun? Hat es womöglich eine stärkere Wirkung als erwartet? Wie schlimm wäre ein Worst-Case und was tue ich, wenn er eintritt? Wie wahrscheinlich sind kleinere Unfälle und wie behandle ich diese?

In der Küche finden wir mit Holzkellen und kleinen Schneidebrettern die grossen Klassiker der Pervertables. Genauso Spass macht aber auch der Spachtel aus Silikon oder Wallhölzer. Da liegt noch einiges mehr drin: Abtrocktücher eignen sich für Blindfolds. Frischhaltefolie für Bondage oder Mummifizierung. Wasser mit verschiedener Temperatur aus Gläsern oder Karaffen über den Körper des Gegenübers während dem Spiel zu giessen, macht grossen Spass im Sensationsplay. Gute Pflanzenöle sind ein hervorragender Lube1. Geputztes Gemüse, je nach Form, lässt sich in alle erdenklichen Löcher (nicht zu tief) einführen mit nem Gummi drüber. Mit Ingwerwurzel (das nennt man Figging) oder Schärferem lässt sich das auch machen, oder einfach draufreiben für je nachdem sehr intensives Chemicalplay – aber Vorsicht, wenn ihr das angefangen habt, gibt es kein zurück mehr… Aus zwei Essstäbchen, die an den Enden mit einem Gummi zusammengehalten werden, lässt sich eine tolle Klemme für Genitalien, Nippel oder Zunge improvisieren. Alle möglichen Schüsseln, Teller, Gläser eignen sich zum Auffangen und Wiederverwenden diverser Körperflüssigkeiten. Obendrauf bietet die Küche ein wundervolles Setting für Dominanz und Unterwerfungs Dynamiken und Service-Play an, in endlosen Varianten von Kochen bis Servieren.

Der Keller, Putzschrank oder Werkzeugkasten hat auch so einiges zu bieten. Für die Glücklichen, die zuhause einen Kamin haben: Auf einem gewöhnlichen Holzscheit knien zu müssen, hat es in sich. Die vielen Rohre und Leitungen im Keller können gut funktionierten, um jemanden kurzzeitig zu fixieren, aber das ist definitiv eine Sache, die vorher überprüft werden muss und wo das Anwendungsszenario durchdacht sein sollte. Mit Schnürsenkeln von den alten Wanderschuhen, Schleifen aus der Weihnachtsdekobox, Wäscheschnur oder Ketten improvisiert sich prächtig eine Fixierung dazu. Ein Putzeimer über dem Kopf verzerrt die Wahrnehmung von Geräuschen und schränkt die Sicht entsprechend ein. Mit vielgliedrigen Blechrechen, Schleifpapier, Nägeln oder groben Gartenhandschuhen kann man den Bottom aufregend streicheln. Wäschechlüpperli (also Wäscheklammern) geben tolle Klammern her und ein sauberer Teppichklopfer ein ordentliches Impacttoy. Oh und die Lichterketten im Estrich können helfen ein phänomenales Aftercaresetting zu bauen.

Das Badezimmer hat mit flachen Haarbürsten grossartige Paddles zu bieten. Auch die Vorderseiten lassen sich verwenden zum Streicheln und Kratzen, dasselbe gilt für diese grossen Rückenbürsten. Gewisse kühlende oder wärmende Salben sind seit jeher ein beliebter Teil des Chemicalplay – und auch hier wieder bedenken, dass man das nicht so leicht abwaschen kann, wenn es mal losgeht und falls auf der Packung explizit erwähnt wird, dass das nicht in Körperöffnungen gehört, Finger weg. Ein gefesseltes Gegenüber mit verbundenen Augen langsam irgendwo zu rasieren, ist ein Fest. Dem Bottom zu befehlen, sich vor den Spiegel zu stellen und zuzuschauen, was du mit ihm anstellst, genauso. Wer mit Blindfold in der Badewanne liegt, die Ohren unter Wasser, kriegt kaum noch mit, was um ihn herum geschieht. Ach und die elektrische Zahnbürste, die so schön vibriert… da bietet sich eine neue oder gut geputzte Zahnbürste an. Sich von seinem Sub waschen lassen oder umgekehrt, kann ein sehr intimes und hingebungsvolles D/s- oder Aftercare-Erlebnis sein.

Im Schlafzimmer oder Kleiderschrank lassen sich sicherlich allerlei Kleider für ein tolles Rollenspiel rauskramen. Genauso gibt es mit Kissenüberzug, langen Kleidern oder Krawatten etliche Möglichkeiten für Bondage – und das waren jetzt nur Wörter die mit K anfangen. Stoffe eignen sich gut dazu, jemandem der liegt, sitzt oder steht die Hände zu verbinden. Als ein Bondagetool das Last trägt hingegen nicht. Mit genug Erfindungsgeist, lassen sich fast alle Möbel, sei es im Schlafzimmer oder sonst wo, so verwenden, dass man sein Gegenüber dort gut festbinden kann. Mit Kleidern oder getragener Unterwäsche gibt es verschiedene Wege für ein vergnügliches Humiliationplay. Gürtel und kleine Lederhandtaschen machen sich hervorragend für Impactspiel, genauso wie das Buch auf dem Nachttisch. Und wer sich nicht benimmt, wird in den Schrank eingesperrt.

Wo auch immer ihr eure Sport- und Spielsachen für draussen versorgt habt: Pingpongschläger wie auch Pingpongbälle, Slackline, Cricketschläger, Frisbees, Boxhandschuhe, Turnschuhe, Schuhlöffel, hui, da gibt es viel zu entdecken.

Kurzum: Wer die Kinky-Brille im Haus auf hat, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus und fast jedes Gespräch über Alltagsgegenstände bringt einen zum Kichern…

1https://ig-bdsm.ch/en-guete-rutsch-mit-gleitmittel/

Mythenumranktes BDSM

Gerade in der kalten Jahreszeit, wenn sich Nebelschwaden auf die Landschaft legen und es im Kamin knistert, passt das wunderbar, sich ein paar Märchen zu BDSM zu erzählen… Wir machen hier genau das Gegenteil. Wir laubbläsern den Quatsch weg, verorten und entblössen ein paar hartnäckige Mythen die sich zu BDSM, zumindest in unserer Gesellschaft, aber auch manchmal in versteckten Zimmern unserer Köpfe halten.

Gerade in der kalten Jahreszeit, wenn sich Nebelschwaden auf die Landschaft legen und es im Kamin knistert, passt das wunderbar, sich ein paar Märchen zu BDSM zu erzählen… Wir machen hier genau das Gegenteil. Wir laubbläsern den Quatsch weg, verorten und entblössen ein paar hartnäckige Mythen die sich zu BDSM, zumindest in unserer Gesellschaft, aber auch manchmal in versteckten Zimmern unserer Köpfe halten.

Mythos #1: «Männer, die in verantwortungsvollen, gut bezahlten Jobs sind, lassen sich gerne dominieren als Ausgleich.» Der Genuss Verantwortung abzugeben, nicht entscheiden zu müssen, gewisse Regionen im Gehirn abschalten zu dürfen, ist für viele Menschen, die in einem Spiel subben, eine Motivation genau das zu tun. Die Verbindung zu wohlhabenden, erfolgreichen Männern hat aber einen anderen Hintergrund. Seit es die Menschheit gibt, gibt es BDSM. Die uns bekannte Professionalisierung und Spezialisierung im Sexgewerbe zur Domina ist in der heut bekannten Form aber nur ein paar hundert Jahre alt. Und da haben wir auch schon aufgedeckt woher dieser Mythos kommt: Die Preise für eine Session bei einer Domina waren schon damals höher, als für eine halbe Stunde mit einer «gewöhnlichen» Sexarbeiterin (dazu gibt es toll dokumentierte Gerichtsakten). Darum muss man die Überlegung einbeziehen, welche Männer, die gerne subben, sich das überhaupt leisten konnten in einem solchen Setting. Entsprechend wurden auch das die publik gemachten Fälle, wenn der Bürgermeister bei der Domina “erwischt” wurde und so hat sich der Mythos in den Köpfen verbreitet, weil normale Büezer nicht in die Presse kamen mit ihrem Dominabesuch.. Würde man aber heute wie auch damals eine repräsentative Umfrage starten bei Männern in einer gewissen Lohnklasse, dann wird nicht das Resultat dabei raus kommen, dass ein verantwortungsvoller Job sich mit dem Bedürfnis nach sexueller Unterwerfung deckt.

Mythos #2: «Wer BDSM betreibt, hat in der Kindheit was Übles erlebt und ist psychisch krank.» Die neuere Geschichte des BDSM ist schaurig nahe verknüpft mit der Geschichte der Psychiatrie, einfach weil auch all die Psychoanalytiker nur Menschen sind und fasziniert waren von Sex – dem den sie haben und dem den sie gerne hätten. Wegen vielen Theorien, die aus einer sehr moralisch geprägten und empathiefreien Sichtweise geschrieben wurden, hat das eine richtig lange, eingefleischte Tradition Sexualität und psychische Störungen miteinander zu verknüpfen. Freud und die Theorie des Penisneids ist ein bekanntes Beispiel dafür, wie abstrus frühe Werke zu Psychonanalyse und verwandten Gebieten sein konnten. Schaut man sich aber repräsentative Studien an, hält sich das nicht.1 Ob jemand aus seiner Kindheit unverarbeitete Traumas mit sich trägt oder nicht, hat keinen Einfluss darauf, ob dieser Mensch im Erwachsenenalter auf BDSM steht oder nicht. Das geht sogar noch weiter: Studien haben gezeigt, dass BDSMler im Alltag nicht nur glücklicher sind, sondern sogar auch psychisch «solider» und besser mit all dem umgehen können, was einem das Leben so anwirft2. Gerade letztes Jahr kam eine Arbeit raus, die nachgewiesen hat, dass Menschen, die im BDSM Kontext gerne sadistisch sind (sprich Sadismus in einem einvernehmlichen Verhältnis), in ihrem sonstigen Leben bedeutend seltener sadistisch sich verhalten sondern empathischer sind.3

Mythos #3: «Feministin sein und Sub zu einem Mann sein, geht nicht.» Die tolle Simone de Beauvoir hat «Soll man de Sade verbrennen» geschrieben, ein Buch, zu dem sie selbst im Alter aber ein gespaltenes Verhältnis entwickelt hat. Es gibt in der vielfältigen Geschichte des Feminismus tatsächlich immer wieder Schriften und Statements gegen BDSM. Genauso oft, und das wird dann nicht erwähnt, Schriften für BDSM und für eine selbstbestimmte Sexualität. Während früher noch oft betont wurde «Wir kämpfen gegen eine patriarchalische Gesellschaft und dann reproduziert eine Frau im Schlafzimmer oder vor der Kamera auf extreme Weise das, wogegen wir ankämpfen?», hat sich diese Betonung gewandelt zu einem «Wir kämpfen gegen eine patriarchalische Gesellschaft und Frauen sollen selbstbestimmt ihre Sexualität ausleben dürfen, was auch immer das in einem einvernehmlichen Verhältnis bedeutet». Wer sich jemandem in einem Spielsetting unterwirft, will damit nicht die Aussage machen, dass das «der natürliche Platz der Frau» ist oder dass Männer mehr verdienen sollen. Sondern, dass in diesem spezifischen Setting die Unterwerfung zu diesem spezifischen Gegenüber toll ist. Mir als Mann ist es unwohl, zu diesem Thema zu schreiben. Ich möchte als Kinkster quasi nicht einfach nur die Aussagen betonen, die mir gefallen und möchte als Verfechter des Feminismus auch nicht das beschriebene Unbehagen an einem solchen D/s Setting verschweigen. Darum verweise ich für Interessierte auf die tollen Autor*innen Roxane Gay und Meg-John Barker.

Mythos #4: «Marquis de Sade, da er auch Namensgeber ist, hat SM erfunden – beim Kaffeeplausch mit dem Herrn Sacher Masoch.» BDSM ist viel älter und hat über die Jahrtausende verschiedene Namen gehabt, aber anscheinend gab es über lange Zeit nicht das Bedürfnis, SM spezifisch und genau zu umschreiben. Das kam erst auf, als die Psychiatrie und Psychoanalyse sich verbreitet hat. De Sade und Sacher Masoch waren dann einfach per Zufall die Autoren, die zu dieser Zeit einen grossen Einfluss auf den Diskurs dieser beiden Enden des Spektrums hatten. Sie waren Teil der damaligen verbotenen Popkultur sozusagen. That’s all. Und in wenigen Jahrzehnten hat sich SM gegenüber anderen Begriffen durchgesetzt. Da muss man vielleicht noch nachschieben, dass die beiden sich nicht kannten, weil sie einen Altersunterschied von hundert Jahren haben, und sich frühestens in der Hölle getroffen haben – vermutlich nicht zum Kaffeeplausch.

Mythos #5: «Wer mit Age-Regression spielt, ist eigentlich pädophil.» Im Kink spielen wir gerne mit Tabus, mit dem Übernehmen und Abgeben von Verantwortung. Das schöne daran ist, dass ein Gegenüber eben diese Verantwortung willentlich abgeben möchte. Dieser Konsens steht dadurch im Gegensatz zu diesem Mythos. Jemand, der gar nicht entscheiden kann oder etwas nicht will, kann keinen Konsens geben. Mit diesem Mythos werden sozusagen Äpfel mit Birnen verglichen, oder eher Äpfel mit Kleiderbügeln. Dieser Mythos lässt sich vielleicht mit spitzigen Gegenfragen entkräften: Heisst das, dass wer auf Ponyplay steht, eigentlich Pferde begehrt? Heisst das, dass wer sich gern floggen lässt, gerne im Alltag auf Legosteine tritt? Wer sich gern die Augen verbinden lässt, lieber blind wäre? Wer Humiliation mag, sich gerne im Tram beschimpfen lässt? Wer Vibratoren toll findet, mehr Erdbeben will? Wer Bondage mag, in den Knast will? Wer Sex mag, mit jedem und jeder ins Bett will? Mit CNC, Watersports, Medicalplay könnte ich jetzt noch doofere Gegenfragen stellen. Was zwei oder mehr erwachsene Leute einvernehmlich tun als Sex, als Spiel, als Rollenspiel, ist nichts anderes als genau das. Den Konsens aus diesem Setting herauszunehmen und die Lust an einer spezifischen Situation auf völlig fremde Situationen anzuwenden, ist absurd.

So, fertig gelaubbläsert. Ich geh jetzt Legosteine wegräumen.

1 https://www.jsm.jsexmed.org/article/S1743-6095(15)30447-1/fulltext

2 https://www.dropbox.com/s/l8ep7ws8v1a1nbx/Erickson%20%26%20Sagarin%20%282021%20OnlineFirst%29.pdf?dl=0

3 Connolly, P. H. (2006). Psychological functioning of bondage/domination/sado-masochism (BDSM) practitioners. Journal of Psychology and Human Sexuality, 18, 79-120.