Der Hanky Code

Ein kleiner Exkurs darüber, wie in lang vergangenen Zeiten kreativ Kinks kommuniziert wurden.

 

Ein kleiner Exkurs darüber, wie in lang vergangenen Zeiten kreativ Kinks kommuniziert wurden.

Gleich vorweg, den Hanky Code, den gibt es nicht, sondern es gibt die Hanky Codes. Plural. Abgesehen von ein paar Grundfarben war das von Ort zu Ort verschieden. Aber eins nach dem anderen.

Dating ist hart. Erst recht, wenn man kinky ist. Erst recht, wenn man Lust auf eine bestimmte Session hat, und nicht auf mehr. Und jetzt stellt das Euch mal vor in den Zeiten vor dem Internet. Exploding Head Emoji. Wie so vieles in unserer BDSM-Kultur, gibt es auch dafür eine Erfindung, die in der amerikanischen Gay Leather Kultur gründet. Das sogenannte Flagging.

Ich selbst habe nicht in den Zeiten und den Orten gelebt, um aus eigener Erfahrung darüber zu sprechen. In Büchern, Online-Foren, Magazinen aus alten Zeiten bin ich immer wieder darauf gestossen und gebe damit das Folgende entsprechend absolut nur aus «zweiter» Hand weiter, und kann lediglich eine breite Recherche, aber kein persönliches Wissen dazu vorweisen. Bekannte Bücher, in denen der Hankycode vorkommt (und die ich sowieso empfehlen kann) sind bspw. Larry Townsend’s legendäres The Leatherman’s Handbook, Bean’s Leathersex oder Harrington’s Playing Well With Others.

Bald steht das Jubiläum der IG BDSM an. Und in diesem Rahmen sind geschichtliche Themen sowieso schon mal was thematisch Passendes – und oben drauf ist letzthin in einer Besprechung für das Jubiläum eine moderne Form des Flaggings aufgepoppt und ich dachte, das ist doch eine Prachtsgelegenheit mal darüber in einem Blog zu schreiben.

Also, Flagging. Die genaue Herkunft lässt sich nicht fixieren. Es gibt da verschiedene Menschen, die behaupten, dass sie es erfunden hätten. Jedenfalls ist die Zeit die frühen Siebziger und der Ort die amerikanische Westküste. Bars und Klubs und Dungeons für Leathermen tauchen überall auf. Die in Grossstädten halbwegs liberale Haltung lässt diese Klubs immerhin vorläufig florieren. AIDS hat die Leathermenszene noch nicht getroffen und für diejenigen, die den Hang haben sich Dinge aus längst vergangenen Zeiten etwas geschönt vorzustellen, klingt das nach einem Goldenen Zeitalter. Zu dieser Zeit also kam das Flagging auf. Der Zweck davon: In Bars und Klubs möglichst schnell herausfiltern können, wer zu einem passen würde für eine bestimmte Aktivität. Das Mittel dazu: Farbige Halstücher. Sogenannte Bandanas, ungefähr das, was wir als Glarner-Tüechli bezeichnen. Und so funktionierts: Wer als Top an einer Aktivität Interesse hat, lässt das farbige Halstuch aus seiner linken Hintern-Hosentasche raushängen. Wer als Bottom an einer Aktivität Interesse hat, aus seiner rechten. Die Farbe ist der Indikator, um was für einen Kink es geht, und das links/rechts ob Top oder Bottom.

Ein paar Farben wie Rot, Schwarz, Gelb, Dunkelblau waren gemäss den Zeitzeugnissen sehr verbreitet. Darüber hinaus aber haben Erotikläden wie auch Bars nicht nur die verschiedenfarbigen Tücher verkauft, sondern eine Übersicht was für was steht gleich noch mitgeliefert. So war das von Bar zu Bar oder mindestens von Szene zu Szene ungefähr einheitlich und übersichtlich, und damit die Kommunikation über die Vorlieben halbwegs funktionstüchtig. Wer gerade auf Verschiedenes Lust hatte, hat sich entsprechend mehrere Bandanas in die Hinterntasche geschoben.

Damals wie heute hat eine Vorliebe natürlich weder bedeutet, dass man das mit jeder beliebigen Person machen wollen würde, noch hat es die Kommunikation darüber, was man denn eigentlich genau will, ersetzt. Alleine schon deswegen, weil das Licht ja dann an solchen Orten nicht immer so grell war, dass man die Farben problemlos hätte unterscheiden können.

Und heute? Manchmal sieht man an Umzügen noch Bandanas in Gesässtaschen. Manchmal findet man an Partys farbige Armbänder mit einer dazugehörigen Übersetzung. Was den meisten schon aufgefallen sein dürfte beim Durchstöbern von Läden oder Onlinestores mit Fetischkleidung ist, dass vermehrt Kleidungsstücke mit gut sichtbaren farbigen Streifen verkauft werden. Das ist eine Fortführung der Farb-Code-Tradition des Flaggings, aber deswegen darf man nicht darauf schliessen, dass die Tragende Person damit auch tatsächlich flaggen will. Vielleicht hat dieser Mensch ja keinen Schimmer wofür die Farben stehen.

Bevor ich den Hanky-Code aufliste, noch ein Hinweis. Da das aus der Leathermen Szene kommt, sind einige Farben auch nur auf Männer die mit Männern spielen ausgerichtet. Das hat sich dann wenige Jahre darauf schon verändert, als auch Leatherwomen sich dem Hankycode bedient haben, und für hetero- oder bisexuelle Menschen braucht es dann halt noch ein bisschen mehr Kreativität in der Umsetzung.

Das hier ist mal der fast überall gleichbleibende Grundcode:

Links getragen

Top

Rechts getragen

Bottom

Schwarz

Hartes SM

Rot

Fisting

Gelb

Piss-Play

Dunkles Blau

Anal Sex

Grau

Bondage



Und das jetzt eine endlose Liste an Varianten davon, die aus verschiedenen alten Listen stammt. Wie oben beschrieben, falls ihr Euch je an einem Ort mit Hanky-Code befindet, dann werdet ihr dort auch eine Liste finden, welche Farbe für was an diesem Ort steht. Was jetzt kommt ist nahe an dem Buch von Townsend, aber nicht allgemein gültig:

Schwarz/Grau gestreift

Leichtes SM

Graues Flanell

Anzüge

Weiss

Handjobs

Helles Blau

Oral

Blau/Weiss gestreift

Seemänner

Blaugrün

CBT

Rosa

Dildo

Dunkles Pink

Brüste foltern

Magenta

Achselhöhlen

Violet

Piercing

Lavendel

Drag

Fuchsia

Spanking

Rost

Cowboys/Cowgirls

Dunkelrot

Blood Play

Weiss/Rot gestreift

Shaving

Rot/Weiss kariert (Vichy)

Sex im Park

Union Jack

Skinhead

Aschgrau

Latex

Senfgelb

Grösser als 20cm

Gold

Dreier

Orange

Alles

Aprikose

Grosse Körper

Koralle

Zehen

Hellgelb

Spucke

Jagdgrün

Daddy/Boy

Olivgrün

Military

Türkis

Mommy/Girl

Hellgrün/Dunkelgrün gestreift

Sugardaddy

Braun

Scat

Braun Kord

Professor*in/Student*in

Beige

Rimming

Minzgrün

Ageplay

Weisse Spitzen

Viktorianische Szenen