Saubere Sache – Ein Hygiene Leitfaden

Mit intensivem Spielen kommt auch die Frage nach der Instandhaltung von Spielzeug und Spielumgebung. Aber wie? Von übertragbaren Krankheiten bis zu Schimmel – mit diesem Leitfaden wollen wir euch eine praxisnahe und konkrete Hilfe für den schmutzigen Alltag geben.

Mit intensivem Spielen kommt auch die Frage nach der Instandhaltung von Spielzeug und Spielumgebung. Aber wie? Von übertragbaren Krankheiten bis zu Schimmel – mit diesem Leitfaden wollen wir euch eine praxisnahe und konkrete Hilfe für den schmutzigen Alltag geben.

(Diesen Blog schreibe ich als interessierter «Praktiker». Ich habe keinerlei medizinische oder chemische Ausbildung.)

Zu RACK, also risiko-bewusstem einvernehmlichen Kink, gehört auch das unsexy Thema der Krankheitserreger und dem Reden darüber. Mit diesem kleinen Hygiene Leitfaden möchte ich einen realistischen und praktikablen Ansatz zum Thema bieten, wie ihr euer Spiel sauber halten könnt.

Wenn ihr mit jemand Neuem spielt, ist es kein Affront danach zu fragen, wie dieser Mensch seine Toys sauber hält. Im Gegenteil, wenn das Gegenüber reagiert mit «Pff, zweifelst du etwa meine gottgegebenen BDSM-Putz-Skills an?» dann ist das eher ein Warnhinweis. Risk aware bedeutet, dass wir uns bewusst sind, was die Risiken sind, damit wir gut damit umgehen und eben auch problemlos darüber reden können.

Krankheitserreger können alle möglichen Formen haben (Bakterien, Viren, Pilze…) und beziehen sich hier nicht nur auf die klassischen Geschlechtskrankheiten wie HIV oder Tripper, sondern mitgemeint sind auch der elende Hefepilz, Bakterielle Vaginose BV, Schimmel oder E-Coli. Diese können in einer langjährigen monogam geschlossenen Situation genauso akut sein.

Wir unterscheiden drei Sachen: Etwas ist sauber, wenn es mit Seife und Wasser gewaschen wurde. Das nimmt in den meisten Fällen rund 95% der Erreger weg. Etwas ist im Sprachgebrauch unseres Kontextes desinfiziert, wenn hier beschriebene Methoden angewendet wurden, sprich etwas richtig mit Desinfektionsmittel behandelt ist. Das schraubt diese Prozentzahlen nochmals ordentlich rauf und trifft Erreger, die mit Seife und Wasser nicht immer gepackt werden. Von steril reden wir schon gar nicht. Steril ist ein Zustand, den wir mit unseren Möglichkeiten meist gar nicht hinkriegen. Wir können uns lediglich sterile Einweg-Toys anschaffen bspw. im Bereich des Medical Plays, oder haben tatsächlich tolles Equipment, um zu Sterilisieren, und diejenigen Kinksters, die das haben, wissen auch wie damit umgehen.

Mit den folgenden 6 Punkten habt ihr gefühlt 80% der Themen abgedeckt:

– Händewaschen. Vor dem Spiel und nach dem Spiel. Und logischerweise nach jedem Toilettengang dazwischen. Idealerweise noch Händedesinfektion drauf, einreiben und trocknen lassen.

– Die Spielumgebung säubern. Wenn es irgendwo sichtbare Unreinheiten hat, macht ihr die zuerst mit Seifenwasser weg. Dann wird alles mit dem Flächendesinfektionsmittel, das an der Playparty zur Verfügung steht (meist alkoholbasiert), nebelfeucht abgewischt und ihr lässt das trocknen. Auch für bei sich zu Hause ist das eine gute Routine.

– Wenn ihr nicht fluid-bonded seid, dann gehört über alles, was in Körperöffnungen reingeschoben wird, ein Kondom drüber. (Fluid-bonded bedeutet, dass zwei Menschen in einer sexuellen Beziehung sind, beide einen Checkup gemacht haben und ihre Körperflüssigkeiten unbedenklich austauschen.) Fragt euer Gegenüber, ob eine Latexallergie besteht. Zudem die gewohnten Safer-Sex Praktiken von Handschuhen und Lecktüchern.

– Nach dem Spiel werden die Toys gereinigt, und zwar, ob sie mit Kondom benutzt wurden oder nicht. Egal was für ein Material es ist, da gibt es immer zwei Schritte (ich werde gleich noch toy-spezifischer). Zuerst mal alle eingetrockneten Sekrete und Gleitmittel mit warmem Wasser und Seife abwaschen, bzw. bei Blut zuerst mit kaltem Wasser starten. Denn, wie kontraintuitiv das auch klingen mag, mit noch mehr Desinfektionsmittel das wegschrubben machts nicht besser. Zuerst Verschmutzungen weg, erst dann desinfizieren. Dafür kauft ihr euch in einer Apotheke ein Flächen-Desinfektionsmittel, zum Beispiel Desinfektionstücher, reibt das Toy damit grosszügig ab und lässt es ohne weiteres Zutun trocknen. Falls es ein Toy ist, das mit Schleimhäuten in Kontakt kommt wie ein Ballgag, Plug, Dildo, könnt ihr es nach der Trockenzeit noch mit Wasser abwaschen, denn Alkohol kann reizend sein auf Schleimhäute.

– Wenn du gerne als Switch oder als passiver Part mit verschiedenen Partner*innen spielst, macht es schaurig viel Sinn, dass du dir deine eigenen Toys anschaffst. Damit hast du die Kontrolle über die Sauberkeit davon und bist ja mit dir selbst sozusagen fluid-bonded.

– Wenn etwas zuerst anal verwendet wurde, gehört es grundsätzlich nicht gleich in andere Körperöffnungen rein ohne Kondomwechsel. Kann man natürlich trotzdem machen, aber dann kommen wahrscheinlich Bakterien an Orte, wo sie nicht hinsollen. Sich nach dem Spiel waschen vermindert das dann ein wenig.

Damit ist der grösste Teil schon mal abgedeckt, was die Spielhygiene betrifft. Jetzt wird es etwas komplizierter:

– Das Desinfektionsmittel, das ihr kauft, sollte mindestens bakterizid, levurozid und viruzid wirken. Das ist in der Schweiz bei vielen Flächendesinfektionsmittel gegeben, auch wenn sie echt schlecht im Anschreiben davon sind (auch auf den Webseiten der Hersteller und den Dokumentationen dazu). Ein Gespräch in der Drogerie hilft weiter, und sonst sind die Standard Desinfektionstücher schonmal viel besser als gar nichts.

– Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis sind ideal, weil sie euch selbst am geringsten schädigen und ebenso die meisten Toys kaum. Gibt auch solche auf Javelwasser-Basis oder Peroxidbasis, da ist das nachträgliche Abwaschen dann zwingend notwendig, denn diese Stoffe sind bedeutend aggressiver für die Haut, die Atemwege und die Toymaterialien.

– Bei Desinfektionsmittel gibt es eine Relation zwischen der Konzentration des Mittels und der Einwirkzeit. Dabei ist die Konzentration gesteuert von der Material- und auch oft Hautverträglichkeit. Ein Hinweis, wie lange es einwirken muss, steht auf dem Produkt. Um sich mit der korrekten Konzentration nicht rumbalgen zu müssen, sind die vordosierten Desinfektionstücher praktisch. Wem das zu wenig nachhaltig ist und lieber Desinfektionsmittel aus der Sprüh- oder Spritzflasche einsetzt mit Papiertüchern, der informiert sich am besten direkt beim Hersteller, wieviel wovon richtig ist, wenn es auf der Rückseite der Sprühflasche nicht genug beschrieben ist.

– Jetzt reden wir mal über den Begriff «Flächendesinfektion». Der Idealfall ist ein Toy mit unporöser Oberfläche ohne Kerben, wie bspw. ein unverzierter Glasdildo. Je mehr ein Spielzeug geformt ist, bspw. ein realistischer Dildo mit Adern und Vorhaut, desto aufmerksamer muss mit den Rillen gearbeitet werden. Mit (Einweg-)Bürsten oder Zahnbürsten kommt man da schonmal weit. Je poröser das Material, desto komplizierter.

– Weiche Plastik-Toys wie Dildos, Vibratoren, Cock-Rings aus TPE, TPR, etc. können leider nicht desinfiziert werden. Da ist der Weg von Seifenwasser und danach Alkohol sicher richtig, aber diese Toys mögen Alkohol nicht und aufgrund ihrer «luftigen» Zusammensetzung können sie nicht vollständig von allen potentiellen Erregern befreit werden. Auch wenn sich diese Toys super anfühlen und überhaupt nicht “luftig” ausschauen, haben sie Poren, die gross genug sind für alle gängigen Krankheitserreger.

– Je nach Material und Grösse, bspw. Silikondildo oder Edelstahl-Wartenbergrad, kann es abgekocht werden für fünf bis zehn Minuten. Man hört auch immer wieder von Geschirrspülern: Wenn eure Maschine sehr hohe Temperaturen in einem langen Waschzyklus kann, ist das ohne Geschirrspülmittel und ohne Geschirr drin eine mitteltolle Lösung. Unsere europäischen Geschirrspüler sind aber eher auf energiesparen ausgelegt. Was funktioniert, ist das Eintauchen in Desinfektionsmittel. Also einen Behälter mit Desinfektionsmittel füllen und das Objekt eine Viertelstunde darin baden.

– Bei unseren geliebten Materialien Holz, Leder und Seilen ist es schlichtweg nicht möglich, eine richtige Desinfektion hinzukriegen. Beziehungsweise nur in einer Art und Weise, die das Objekt futsch machen würde. Nichtsdestotrotz müssen auch die möglichst sauber gehalten werden nach dem Spiel. Folgende Praktiken sind verbreitet:

o Bei Holz käme es zwar auf die Art der Verarbeitung an (lasiert, lackiert, geölt, unbehandelt), aber diese Schutzschicht ändert sich über die Jahre und den Gebrauch – sprich ist nicht mehr so perfekt, wie sie mal war. Deswegen bei allen Verarbeitungen die übliche Oberflächendesinfektion von Seifenwasser und dann Desinfektionsmittel, auch wenn das zu Verfärbungen führen kann. Und da muss man sich auch die Frage stellen, mit was es überhaupt in Kontakt gekommen ist.

o Bei Lederspielzeugen, die ihr auf Genitalien geklatscht habt, oder die zu Blutungen beim Peitschen geführt haben, gilt dasselbe wie bei Holz. Verfärbungen des Leders können durch die Reinigung nicht ausgeschlossen werden. Bei Floggern muss Riemen um Riemen gereinigt werden, wie auch dort, wo sich sonst noch “Dreck” verstecken könnte. Und auch hier wieder das Bewusstsein: Ein Lederspielzeug oder Lederkleidung kann nicht desinfiziert werden. Dafür ist die Oberfläche zu porös. Mit Seifenwasser, Flächendesinfektion und anschliessender Lederpflege, ist es sehr sauber, aber wie zumutbar das für euch und euer Gegenüber ist, müsst ihr gemeinsam kommunizieren. Das soll nicht zu einer Keimphobie leiten, sondern die realistische Frage aufbringen: Wohin haut man mit welchem Toy bei wem, welche Risiken bestehen, wie schlimm ist das für euch und wie geht ihr damit um.

o Bei Seilen haben wir zwar mit Hanf, Jute und Flachs Naturmaterialien, die von Haus aus antibakteriell sind, aber auch hier bleibt es bei derselben risk-awareness wie bei Holz und Leder. Grundsätzlich mal Abwischen mit einem Desinfektionstuch und trocknen lassen. Wenn das Seil als Crotch-Rope benutzt wurde: Dem Gegenüber schenken oder beim Seilen ein Seil benutzen, das auch in die Waschmaschine gehen darf bei hohen Temperaturen (oder den Backofen oder in die Sonne legen). Besser ist es, als passiver Part selbst ein Seil mitzubringen, das als Crotch-Rope benutzt werden kann. Der Einfluss des Reinigens auf die Belastbarkeit der Seile in einem Suspension-Setting ist nochmals ein weiteres Thema, und eure Lehrperson im Dojo kann euch da mehr dazu sagen.

– Gleitmittel mit verschiedenen Partner*innen zu teilen ist nicht optimal, weil das Abwischen mit dem Finger von der Tube Erreger in die Tube bringen könnte. Je besser der Dispenser und je geübter deine Handgriffe sind, desto «sicherer». Aber hey, bring doch einfach deinen eigenen Lieblingslube mit zum Spielen.

– In Sexshops kriegt ihr auch speziell angefertigte Toycleaner, meist als Sprays aber auch als Tücher. Die sind preislich etwas höher als handelsübliches Desinfektionsmittel, aber sind dafür oft spezifisch auf Haut- und Toyverträglichkeit hin fabriziert.

Ein kleiner Exkurs noch: Wenn wir über solche Themen reden, bedienen wir uns automatisch dem Vokabular von “schmutzig”, “reinigen”, “Verunreinigung”, “Krankheitserreger”. Damit kommt ein komischer, moralischer Beigeschmack mit, der dann manchmal so kleine Hemmungen oder Ängste im Kopf einbaut. Nur um das gesagt zu haben – an euch und euren Körpersäften ist überhaupt nichts falsch oder ungesund und all eure Toys sollen unbedingt im ausgelassenen Spiel von hinten bis vorne von all euren Körpersäften triefen. So wie wir unsere Kleider waschen, so waschen wir auch unsere Spielzeuge.

Noch ein Gedanke zum Schluss: Nichts ist absolut sicher. Wir reden von «safer sex» nicht von «safe sex». Das heisst aber auch, dass ihr realistisch sein dürft und mit klugen Praktiken nicht in einer Angst leben müsst.

Hier ist noch ein Link zu einem viel ausführlicheren und fundierteren Dokument von der Gentledom Community: https://gentledom.de/fileadmin/99_Downloads/LeitfadenDesinfektionLangfassung.pdf

Soviel zur Sauberkeit, jetzt viel Spass beim dreckig sein.