SSC und RACK und PRICK

Kink kann manchmal ganz schön nerdig sein. Und wenn du dich der philosophischen Streitfrage stellst, ob SSC oder RACK oder PRICK richtig ist, dann bist du jedenfalls hier richtig.

Kink kann manchmal ganz schön nerdig sein. Und wenn du dich der philosophischen Streitfrage stellst, ob SSC oder RACK oder PRICK richtig ist, dann bist du jedenfalls hier richtig.

Die Abkürzung SSC steht für «safe, sane und consensual», also «sicher, gesund und einvernehmlich». RACK steht für «risk aware consensual kink», also «riskiobewusstem einvernehmlichen Kink». Und zu guter Letzt PRICK steht für «personal responsibility, informed consensual kink», das übersetz ich mal mit «eigenverantwortlichem, informierten und einvernehmlichen Kink».

Mit dem Aufkommen von SSC in der Kinkszene, hat man gegenüber der Welt kommuniziert, dass wir in einer sicheren, nicht idiotischen und einvernehmlichen Art und Weise miteinander spielen. Da der Blick von aussen auf unsere Szene halt meistens einer ist, der uns als krank, psycho und daneben abstempelt, bringt die Abkürzung SSC die Diskussion entwaffnend auf eine andere Ebene. Toll daran ist, dass diese Abkürzung per se schon Gespräche starten kann und wir alle uns damit auch selbst reflektieren, wie wir die Themen Sicherheit und Konsens praktizieren. Etwas illusorisch ist die Annahme, dass Kinksters vor dem heilsamen Einführen des Begriffs SSC in wilder nicht-einvernehmlicher Manier die tödlichsten Praktiken miteinander ausgelebt hätten. Hüpf-Flogging auf ungesicherten Drahtseilen über der Viamala Schlucht oder so.

Und woher kommt das eigentlich? Die Amis haben 1908 angefangen im Voraus zu ihrem Nationalfeiertag mit dem Slogan «Have a safe and sane Fourth of July» auf die Gefahren von Feuerwerk hinzuweisen. Das hat wohl immer wieder zu Feuerwerks-Unfällen geführt rund um den Feiertag. Die Interessensgemeinschaft New York Gay Male S/M Activists, kurz GMSMA, hat in ihrem Leitbild zum ersten Mal safe, sane and consensual 1983 verwendet. Gemäss den Erzählungen der Gründer sind sie auf diesen Spruch gekommen, weil sie mit dem safe and sane Slogan aufgewachsen sind und der so einfach zu erinnern war. Sie wollten mit dem SSC Begriff einen Gegenentwurf machen zur gesellschaftlichen Pathologisierung von SM. Ebenso hat auch der New Yorker Hellfire Club wenige Jahre davor safe and sane verwendet in ihrem Leitbild. Die Sache wurde dann aber 1987 und 1993 gross, als bei zwei Leder-Paraden in Washington SSC auf grosse Banner gedruckt wurde und sich der Begriff von dort aus in die ganze Welt katapultiert hat.

Der Unterschied den RACK dann glücklicherweise zieht, ist es zu sagen: «Hey Leute, das ist doch gelogen unsere Art von Sex als sicher anschreiben zu wollen. Nichts im Leben ist sicher.» Natürlich wollen wir alle, dass nichts schief läuft beim Spielen. Aber wenn wir konsequent nur «safe» spielen wollten, bleibt vernünftigerweise fast nichts übrig – und damit ist nicht nur Nadeln, Peitschen und Würgen gemeint, sondern genauso Bondage und D/s Spiele. Darum dieser Gegenvorschlag, der nicht das Wort «sicher» betonen will, sondern das Risikobewusstsein. Risikobewusst heisst, man kennt die Risiken und weiss, wie man sie minimieren kann oder in einem Worst-Case damit umgeht. Fairerweise muss ich anfügen, dass damals mit dem ersten S in SSC auch Safersex in Bezug auf Geschlechtskrankheiten angesprochen werden wollte, und das zweite S, das «sane», sich eher mit dem Risikobewusstsein auseinandersetzt. Aber die Annahme, dass Leute, die SSC machen, lediglich in Bubblewrap verpackt einander Komplimente zu flüstern, ist falsch.

RACK entstand bei der TES1. Die einflussreiche amerikanische BDSM Gemeinschaft The Eulenspiegel Society (TES), hat in einem Onlineforum 1999 diskutiert, mit was man SSC ersetzen könnte, wegen der oben beschriebenen Einwände. Zudem wollten sie mit dem K für Kink auch klar machen, worum es dabei geht. Auch wenn wir so tun, als ob diese Philosophien einander entgegen stünden, der RACK «Erfinder» Gary Switch selbst meinte, dass die absolut kompatibel seien und kein Akronym Kommunikation ersetzen kann. Weil die TES damals mit Magazinen, Newslettern und Onlineforen sehr präsent war, hat sich dann das RACK per Internet ratzfatz in alle Communitys verbreitet.

Jede neue Generation soll, darf und muss sich neu erfinden, und so hat sich von den Akronymen der neuen Generation PRICK am stärksten durchgesetzt. Mit der Betonung auf der persönlichen Verantwortung und dem Informiert-Sein, wird der Unterschied zu RACK dahingehend gezogen, dass es eine ungute Sache sein kann, wenn zwei zu einem Spiel «ja» sagen, aber nur ein Part abschätzen kann, was das eigentlich bedeutet. Gerade wenn die Spielenden unterschiedliche Erfahrung haben in einem bestimmten Spielbereich, fehlt es dem weniger erfahrenen Teil an der Grundlage, eigenverantwortlich zu handeln. Auch da kann man mit philosophischem Spass dann leicht dagegen argumentieren, dass wenn ein Konsens nicht ein informierter Konsens ist, gar kein Konsens ist. Wie auch die Tatsache, dass wenn man was zum ersten Mal macht, wohl gar nicht so genau abschätzen kann, was da alles auf einen zukommt. Obendrauf kommt, dass wir das ja auch geniessen, in einer Session Verantwortung abzugeben. Nichtsdestotrotz ist diese Betonung der Eigenverantwortung etwas weiter gefasst natürlich genau richtig für unsere Perversionen. Aber dann davon ausgehen, dass Leute die nach Schema RACK spielen, keine Eigenverantwortung übernehmen, sondern vor ihrer unabsichtlichen Bondage Session einfach die Dumm-Gelaufen-Versicherung bei der internationalen BDSM-Risiko-Anstalt erneuern, ist nur ein Gerücht.

Warum ich diese Abkürzungen trotzdem liebe? Weil wir damit reflektieren und auch kommunizieren können, dass wir mit unseren Perversionen umzugehen wissen; weil es ein Gegenentwurf ist zum gesellschaftlichen «das ist ja verantwortungslos und gefährlich was du da machst»; weil wir den Guinessbucheintrag wollen für die Subkultur mit den meisten Abkürzungen.

Was auch immer euch davon am meisten zusagt – das Internet hat euch noch massig mehr dazu zu erzählen.

1 https://fetlife.com/users/53355/posts/25734